Text und Subjekt

Über uns:

„Text und Subjekt“ – ist der kollektive Blog einer Forschungsassoziation, die aus dem LMU-Forschungsprojekt „Gegenwelten. Religiöse Ordnungsmodelle der Moderne“ hervorgegangen ist (http://www.gegenwelten.germanistik.uni-muenchen.de/index.html). Der Blog will Glossen, Kommentare, Polemiken, Abhandlungen, Interpretationen, Randbemerkungen, Beobachtungen, Anekdoten öffentlich zugänglich machen, die nach dem Ende der früheren, öffentlichen Institution Universität (die durch den Bologna-Prozess in ein Pseudo-Unternehmen verwandelt worden ist) nur noch im geschlossenen Raum akademischer Seminare zirkulieren.

Mit der zunehmenden Privatisierung (respektive Ökonomisierung) dessen, was in der aufgeklärten Welt öffentlich, das heißt, prinzipiell an alle adressiert war (Wissen, Forschung, Technik, politische Analysen, Literatur usw.), und mit der – umgekehrt dazu laufenden – öffentlichen Vermarktung dessen, was einmal privat war (Urlaubsphotos, Hochzeitsvideos, dreckige Selfies u. dgl.), werden wir uns nicht anfreunden. Wir schaffen es ethologisch nicht. Aus drei Gründen: erstens sind Öffentlichkeit und Markt keine Synonyme, zweitens sind nicht alle Dinge Waren, drittens wissen wir, dass das Private privativen Charakter hat. Es bedeutet „die Abwesenheit von anderen“, und „was diese anderen betrifft, so tritt der Privatmensch nicht in Erscheinung, und es ist, als gäbe es ihn gar nicht. Was er tut oder lässt, bleibt ohne Bedeutung, hat keine Folgen, und was ihn angeht, geht niemanden sonst an.“ [Hannah Arendt: Vita activa, München 1967, S. 58]  Wir haben nichts gegen belanglose Urlaubsphotos, widerstehen allerdings der Privatisierung des öffentlichen Raums und dessen Kontrolle durch private Instanzen. Eine Gesellschaft, die glaubt, das Paarungsverhalten von Eintags-Celebrities sei von größerem öffentlichem Interesse als Molekülstrukturen oder Erzählformen der Geschichte (die tendenziell dem Privat- und Eigentumsrecht unterstellt werden), befindet sich auf dem direkten Weg in einen neuen unerhörten Feudalismus – mitsamt Privilegienwirtschaft und generalisierter Ignoranz.

Die Inversion des Öffentlichen und Privaten reduziert die universitäre Arbeit immer mehr auf einen a-sozialen, privaten Angestellten-Karriere-Betrieb. Was für alle gedacht war (und nach wie vor ist), nämlich Dinge wie Wahrheitsfindungsprozesse, Begriffe, Erkenntnisse, Ideen, steht strukturell mittlerweile im Dienst des Unternehmens, seines Managements, seiner Positionierung auf dem Markt, seiner Reputation, seiner Angestellten, seiner Kunden und deren individuellen Aufstiegschancen. Das ist nicht der Begriff von Wissenschaft, mit dem wir arbeiten.

Leipziger Schule[„Die vier apokalyptischen Reiterchen“ aus dem Zyklus „Nachhaltiges Wachstum“; unbekannter Meister der Zweiten Leipziger Schule, frühes 21. Jahrhundert.]

Im Strukturwandel des Verhältnisses von Öffentlichkeit und Privatheit, wie er sich in den letzten Jahrzehnten vollzogen hat, erkennen wir einen politischen Prozess, dessen (mehr oder weniger) offen eingestandenes Ziel die massenweise Produktion des universalen marktkonformen Konsumenten ist. Als Idealtyp bewegt er sich in einem rundumgepanzerten Hummer durch eine feindliche Welt „da draußen“ (voller Rivalen, Terroristen, Islamisten, HartzIVern, Psychopathen, Flüchtlingen, Räubern), die ihm ihrerseits nur noch in Gestalt von virtuellen Objekten auf der Oberfläche von Smartphones oder Flachrechnern begegnet – das heißt: die ihm gar nicht begegnet. In Wirklichkeit sitzen die Leute auf Bürostühlen, U-Bahn-Bänken, Barhockern, starren gebannt auf User-Oberflächen, tätscheln nervös am Touchscreen, bedienen ihre Flatrate (und halten den Zahlungsverkehr am Laufen). Es ist, wie die Freunde vom „unsichtbaren Komitee“ sagen: Nein, nicht die Welt ist verloren (in Krisen, Klimawandel, Kriegsdrohungen, Supermarktregalen, rhetorischen Figuren), sondern WIR haben die Welt verloren, und zwar indem wir uns jede reale Präsenz, so weit es geht, vom Leib halten (lassen). [Vgl. Comité invisible: A nos amis, Paris 2014, S. 29 f.]

Wir halten den Satz des Komitees nicht für romantischen Kitsch, sondern für die korrekte Beschreibung eines realen Desasters.

Jed Martin[Jed Martin: „Arbeitsloser im Harz“ (2001), 6,20m x 3,49m, Acryl auf Leinwand; Privatbesitz]

Zu glauben, dass ein Blog der zunehmenden Privatisierung entgegenarbeiten könnte, ist lächerlich. Wir haben nicht den geringsten Grund, die Mächte zu unterschätzen, die sie vorantreiben. Dennoch bietet eine para-universitäre Publikationsplattform die Chance, den Wissenschaftsbetrieb zu öffnen und Gedanken öffentlich zu machen, die sonst nur im Kreislauf der akademischen Seminare, Konferenzen, Symposien blieben. Zumindest können wir scheitern.

Clemens Pornschlegel

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