Heidegger. Die neue Staffel. Diesmal noch mehr Nazi!

Die aktuellen Diskussionen um die SCHWARZEN HEFTE tun so (Jahrzehnte nach Schneeberger, Lyotard, Farias, Ott, ganz zu schweigen von Arendt, Anders, Löwith, Marcuse), als ob es eine bahnbrechende Neuigkeit wäre zu sagen: „Heidegger war Antisemit.“ Der Satz lässt sich seit 82 Jahren, seit dem 1. Mai 1933 vom NSDAP-Mitglied mit der Nummer 3.125.894 ziemlich risikolos behaupten. Cord Riechelmann hatte Recht, als er (in der taz vom 16. April 2015) in der TITANIC-Schlagzeile: „Schrecklicher Verdacht: War Hitler Antisemit?“ die Matrix der laufenden Hyperventilationen entdeckte.

Und so lautet neueste Eilmeldung: „Die Forschungsergebnisse, welche die Philosophische Sonderkommission ‚Heidegger’ der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Zusammenarbeit mit dem Spezialkommando der französischen Diskurspolizei unter Leitung von Emmanuel Faye nach jahrelangen DNA- und Spektralanalysen an den Manuskripten des NSDAP-Mitglieds Heidegger endlich vorlegen kann, lassen keinen anderen Schluss zu als den schockierenden (ebenso krassen wie unumstößlichen): Es gab Nazis und Antisemiten im Dritten Reich, ja sogar in Deutschland, und Martin Heidegger war voll mit dabei!“

Es bestehe allerdings der berechtigte Verdacht, so ein Polizeisprecher, dass Heidegger der einzig wirkliche Nazi gewesen sei. Des Weiteren verdichteten sich die Hinweise darauf, dass er sich zeitweilig unter anderen Namen (Hitler, Goebbels, Himmler usw.) politisch betätigt habe. Sonderkommission und Spezialkommando arbeiten weiter mit Hochdruck an der Aufklärung des irren Falles. Die Bevölkerung ist aufgefordert, Beobachtungen umgehend den philosophischen Ermittlungsdienststellen zu melden.

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[Rohrschachtest, modifiziert: Wer ist der größte Nazi im ganzen Land?]

Vielleicht sollte man sich, bevor man den Tatortreiniger in die Bibliotheken schickt und Giftschränke für die Gesamtausgabe anschafft, trotzdem noch einmal kurz an die Sätze von Jacques Derrida erinnern:

Die Verurteilung des Nationalsozialismus – ungeachtet des Konsenses, den man diesbezüglich herstellen muss – ist noch kein Denken des Nationalsozialismus. Wir wissen immer noch nicht, was diese schmutzige und ekelhafte, gleichwohl überdeterminierte, von inneren Konflikten durchzogene Sache möglich gemacht hat. Der Nationalsozialismus ist in Deutschland und in Europa nicht einfach vom Himmel gefallen. Zu glauben, dass der europäische Diskurs den Nationalsozialismus wie einen fremden Gegenstand auf Distanz halten könnte, ist im besten Fall naiv, im schlechteren handelt es sich um einen Obskurantismus und einen politischen Fehler. Man tut so, als ob der Nationalsozialismus nicht den geringsten Kontakt zum Rest Europas, zu anderen Philosophen, zu anderen politischen und religiösen Idiomen gehabt hätte.

[Jacques Derrida: „Heidegger, l’enfer des philosophes“, in: Points de suspension. Entretiens, choisis et présentés par Elisabeth Weber, Paris 1992, S. 197.]

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[Ceci n’est pas une pensée X]

Wie die Nicht-Erinnerung en action aussieht, lässt sich hier betrachten: http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=51046

Der Aufsatz „Versgeklingel, Reimgehüpfe, Singsang. Heideggers Auseinandersetzung mit Goethe “ ist im Jahr 1999 (zum 250. Geburtstag Goethes) entstanden und zwei Jahre später in dem von Bernd Scheffer und Karl Eibl herausgegebenen Band „Goethes Kritiker“ erschienen (in: Bernd Scheffer, Karl Eibl (Hg.): Goethes Kritiker, Paderborn 2001, S. 117-134). Er ist auch im Zusammenhang der Auseinandersetzungen um Heideggers Schwarze Hefte noch lesbar.

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