Lemuren des Kapitals

Der Lyriker Riccardo Krieg (*1938) lebt seit Mitte der 1980er Jahre in Triest und arbeitet dort am Opus magnum einer  SATANICA COMMEDIA, in der er die nichtige Gegenwart aus der, wie er sagt, „Perspektive ihrer gellenden Unmöglichkeit“ darzustellen sucht.

Der nachfolgende Ausschnitt (den Krieg hier erstmals der Öffentlichkeit zugänglich macht) entstammt dem XXXII. Gesang, in dem die „Lemuren des Kapitals“ zu Wort kommen. Riccardo Krieg hat dafür O-Tonaufzeichnungen von Gesprächen benutzt, die er im Sommer 2013 mit international agierenden Medienmanagern in Berlin Mitte führte. Er sei TROTZ ALLEM bestürzt gewesen ob der SCHAMLOSIGKEIT, mit der DIE KANNIBALEN Laut geben.

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[Jed Martin: Riccardo Krieg dichtet, 1993; 150cm x 150cm, Öl auf Leinwand; Privatbesitz]

Riccardo Krieg

SATANICA COMMEDIA

XXXII. Gesang
WO ES SICH REIBEN WIRD // AN DER FRONT

1

also mir fallen zwei dinge dazu
ein das eine ist dass es zusätzliche
erlösströme sind wenn du
aus der vergangenheit schaust hast du
die Y-industrie mit immer
weniger erlös am stück und
einem immer fragmentärerem
thema mit den einzelnen
verwertungsketten geld zu
verdienen das heißt Z ist eine
organische weitere erlösquelle
die innerhalb der verwertungskette
von der produktion bis zur verwertung
reingeschoben wird ich glaube
das ist ein essentieller
erlösanteil den die Y-industrie für
die finanzierung ihrer teuren
produkte braucht und nicht
nur über die ausspielung von V+ oder
vom verkauf der V+ sondern auch über
W gegebenenfalls eine verwertung
mit einer werbeeinnahme kriegen kann
für den gegenpart für den kunden hat es
eine hohe convenience über
ganz neue techniken die inhalte
so zur verfügung stellen zu lassen

2

wie es einem passt und das ist
eine völlig neue variante in
der mediennutzung durch technische
voraussetzungen neu da und
wird sicherlich in dieser form
für den kunden ein interessantes
thema sein wo es sich reiben wird
sind drei sachen das eine ist klassisch
das MERZ-TV das wird die kollegen
der MERZ-TV front treffen sei es A
oder sei es das einzelne
B produkt das oben im haus
geservicet wird wahrscheinlich
kannibalisiert sich das auf mittlere frist
weil hier die nutzung über V+
im prinzip eine art von nicht-lineare
MERZ-TV sendergeschichte darstellt da
ist ein wichtiger punkt das thema
kino ist nach wie vor so ein punkt
das kino haben sie bisher immer
tot geredet nach wie vor gibt es
dieses noch aber ich vermute
mit großen fernsehschirmen
guten soundanlagen einer einfachen
streaming-technologie vernetzten
fernsehern wird natürlich der ein
oder andere heimkonsum den kino
gang überlagern da glaub ich

3

schon dass eine gewisse
kannibalisierung da ist die
müssten man aus den zahlen heraus
belegen können das dritte
bei der mediennutzung ist ein punkt
der aus der senderlandschaft
heraus eigentlich noch sehr spannend
wird weil die sender ihre
sendermarke stück um stück
weit verlieren und die identität
der sendungen mit dem sender
flöten geht der kunde guckt
heute die serienmarke und
nicht mehr die sendermarke
MM guckt er wo er es
findet und nicht mehr bei
PP oder bei QQ ich
glaube das sind so die drei
elemente die davon am direktesten
belangt werden wenn es
über eine konkurrenzsituation geht

einmal verändern sich die

4

sehgewohnheiten wir
hatten damals als ich
mit der spanischen variante
bei HOLA OLA¡ viel zu tun hatte
in den ersten untersuchungen
gemerkt es geht wenn du heftige
nutzung im nichtlinearen
hast bis dahin dass die leute
ihr gefühl für den abend
verlieren weil die feststehenden
leuchttürme wie WRST um 20:00
und 20:15 wegbrechen die leute
sind irgendwann in der nutzung wann
sie eben gerade auf den knopf
drücken und das gefühl für
raum und zeit driftet weg das ist
sicherlich die extremform aber
das heißt auf alle fälle
dass ich dem endkunden die
möglichkeit gebe sich von

5

dem reinen zwang zu befreien
nicht nur auszuwählen
wann die sendung stattfindet
sondern auch sich vorher zu überlegen:
muss ich die sendung aufnehmen heute
ist die flexibilisierung da dass
der kunde hinterher entscheidet „will
ich es nochmal gucken?“ „will
ich es überhaupt gucken?“ „wie
beziehe ich den inhalt?“ und „ah da
habe ich gerade etwas gesehen
da gibt es etwas ähnliches“ man
löst sich aus dem starren vor
gegebenen grid von den
sendern und ich denke das

6

ist dann totale flexibilisierung
der inhalte die damit um
die ecke kommt es ist kein
zwang zur planung das heißt
die recording funktion die man
früher bewusst in gang setzen
musste kann man heute noch
in gang setzten man braucht es
aber theoretisch durch
catch-up immer weniger und
ich glaube wir kommen
dahin wo man jede art
von nutzung die passiert ist über
eine art archiv sich wieder reinholen
kann sodass man nicht

7

das gefühl hat man hat etwas
verpasst generell glaube ich
wird das nicht-lineare
das lineare nicht ersetzen
sondern es wird eine zusatznutzung
sein das sieht man auch
aus den zahlen der kunde guckt
ja auch wenn er nicht-linear
guckt nicht weniger
linear das ist meistens
dann additive nutzung das
heißt im endeffekt aber
auch nicht wirklich schädlich
im moment für die sender
sondern das ist eine klassische
form der convenience die
sich durch zusatznutzung
dann auch wiederfindet.

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