Exzellente Führung

Eine Universitäts-Meditation

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Achtung, alle bitte mal kurz herhören! Das Zentrum für Menschenführung einer deutschen Eliteuniversität bietet an:

„Exzellent führen. Führend forschen. Basisseminar für professionelle Führung und Zusammenarbeit. Das Ziel: Unser Grundverständnis ist es, wissenschaftliche Exzellenz durch exzellente Führung und Zusammenarbeit zu fördern. Sie erlernen in diesem Seminar grundlegende Prinzipien der effektiven Mitarbeiterführung und Teamarbeit, d.h. sowohl theoretische Ansätze als auch praktische Instrumente.“

Zitatende. Kein Witz. Das Ziel also ist unser Grundverständnis (dass forschen führen heißt, und zwar professionell). Und hierzu erlernen Sie auch ein paar Prinzipien (dass forschen führen heißt zum Beispiel) und praktischerweise praktische Instrumente (aus der Familie der effektiven Mitarbeiterführung; nicht: Blechblas- oder Schlaginstrumente). Und wer jetzt meint, er könne ob der Unbedarftheit dieser zur Agrammatizität neigenden Menschenführungs-Prosa einfach mit den Schultern zucken („was soll’s?“), lachen („nicht Ihr Ernst?“) oder sich in der Weisheit spätantiker Philosophen üben („si tacuisses“), der verkennt den Ernst der Lage. Sie ist nicht rosig. Kein bisschen.

Den Universitäten ist wie allen anderen Leuten auch der neo-liberale Welt-Wirtschafts-Wissenschaftskrieg erklärt worden. So ist sie, die Welt der Krisen, Finanzlöcher und Totalkonkurrenz. Jeder Betrieb ist eine Kampfzone: Beute oder Jäger, Ober oder Unter, winner oder loser, Entweder-Oder. Auch die Wissenschaft gehört zum Dschungel. Wer darin überleben will, muss „grundlegende Prinzipien der effektiven Menschenführung erlernen“, verkündet das Exzellenz-Management (und verwandelt die Welt in jenen grunzenden Urwald, in dem man unbedingt auf die Befehle der Führung hören muss). Die blutgierige Konkurrenz schläft nämlich nie. Und nur das Exzellente steht groß im Sturm. Die unsichtbare Eisenfaust des Wissenschafts-Welt-Marktes in seiner großen Naturgesetzlichkeit will nun einmal, dass die gut angepassten über die schlechten Angestellten triumphieren und dass die erfolgreichen Unternehmen(skulturen) die ineffizienten mir nichts dir nichts wegfressen.  Am Ende kannibalisiert sich das alles wie von selbst ins globale Gleichgewicht und stellt eine wunderbare Harmonia Cælestis her. Und der „struggle for life“ betrifft nicht nur die, die ihn fortlaufend überall anzetteln – zum größten Wohle des Wissenschaftsstandorts, versteht sich –, sondern auch die, die immer noch glauben, ihn locker ignorieren zu können: die „social couch potatoes“, Beamtenschnarcher, Faulpelze, Fossile, Leistungsverweigerer.

Es gibt Zeitgenossen, die insgeheim meinen, dass es sich bei den millionenschwer geförderten Forschungs-Führungs-Exzellenz-Prinzip-Zentren (deren intellektuelles Organon aus betriebswirtschaftlicher Handtaschenpsychologie, Selfie-Marketing und Stellengier besteht) nur um eine vorübergehende Mode-Verirrung handle. Als ob die Reform der Universität (leadership, management, ranking, fundraising, impact points etc. pp.) gar nicht wirklich stattgefunden hätte. Hat sie aber. Und zwar flächendeckend, eingegossen in die Stahlbetonstrukturen der Budgetverwaltungen, nach dem Bauplan ordentlicher Gesetze. Dura lex sed lex! Genau deswegen kann der managerial durchorganisierte Wissenschaftsbetrieb (mitsamt Strategieabteilungen, Stabsstellen und officers) seit Jahren ins Gelände der marktkonformen Zukunft (Parole: Eisenfaust!) vorstoßen. Letztere besteht aus der Billigdiplom-Produktion für die Massen und ordentlich langen Hochschustudien für die wenigen, die sich’s leisten können.

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[Szenenbild aus der Komödie „Servicestelle Evaluation“; mit Til Schweiger, Katja Riemann, Edelgard Bulmahn, Daniel Brühl, Annette Schavan u.a., Deutschland 2009; Sequenz: „Wird es gutgehen?“]

Vor lauter innovativer Geschwindigkeit konnte man die sozialpolitische Devise offenbar nicht richtig sehen, die über dem Eingang in die neue bessere Welt geleuchtet hatte (in knalligem Rot): „Lasciate ogni speranza.“ Das war italienisch und stammt aus Bologna. Dass ausgerechnet Edelgard Bulmahn von der  Elite-Partei SPD seinerzeit die Universität dem Exzellenz-Management unterstellt und die letzten Reste von sozialer Chancengleichheit liquidiert hat, ist natürlich nicht verwunderlich. Edelgard B. versteht erstens nichts von metaphysischen Welten und zweitens absolut nicht, weswegen ein Bachelor an der Supermarktkasse eigentlich nicht Elite sein soll. „Was willst du, ist Bachelor, ist doch Elite, ist doch Fortschritt!“, sagt sie auf Nachfrage. Und kommt prompt ins Schwärmen: „Stellen Sie sich vor, früher mussten die Leute ganz ohne Diplom malochen! Das haben wir geändert! Die soziale Stellung der Supermarktkassierer ist durch den flächendeckend nachhaltig ökologisch implementierten Bachelor entscheidend verbessert worden. Die Menschen haben jetzt ein anderes Selbstwertgefühl, von den Mehrfachchancen auf dem ersten, zweiten, dritten Arbeitsmarkt ganz zu schweigen! Wir haben das Proletariat durch Bildung erfolgreich wegreformiert! Ein Arbeitsloser mit Diplom ist chancenmässig doch etwas ganz anderes als einer ohne.“ Es waren grausige Zeiten, als Arbeiter und Angestellte nicht die geringste Chance hatten, Aufsichtsrätin und -rat zu werden und sich ihre Diplome noch nicht übers Bett nageln konnten. Das ist jetzt natürlich ganz anders, jedenfalls chancenmässig, also im Prinzip und sozusagen strukturell.

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[Szenenbild aus der Komödie „Servicestelle Evaluation“, Sequenz: „Ihr schafft das, echt…!“]

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Nach der Liquidation der Vor-Bologna-Universität sollte man Folgendes trotzdem noch kurz festhalten (für die Nachkommen): dass die deutsche Universität – egal, ob top-down oder bottom-up – historisch wieder einmal versagt hat. Und zwar versagt darin, etwas zu verteidigen, das zu verteidigen ihr gut angestanden hätte: die Idee der Hochschule als sozial offener Institution (der Wissensvermittlung) sowie die Freiheit von Forschung und Lehre, die im Dienst der Erkenntnis und der Wahrheit stehen und nicht von Lobbyisten, Bildungspolitikern, Arbeitsmarktpropheten, Gremienkarrieristen.

Die arme Forschungsfreiheit ist von Wirtschaftsverbändlern, Politikern, willfährigen Professoren mutwillig unter die Räder des politisch bejubelten – „endlich dynamisch, effizient, schlank, rank, leistungswillig“ – Ökonomismus (mitsamt seinem anti-akademischen Ressentiment) gestoßen worden. Hoppala! Tschuldigung! Und entsprechend malträtiert sieht sie aus. Wer forschen will, muss permanent Anträge schreiben; wer Anträge schreibt, muss selbstverständlich Zielvorgaben berücksichtigen; wer Zielvorgaben berücksichtigt, kooperiert; und nur wer ordentlich kooperiert, darf forschen und die Forschung führen. Freier geht es wirklich nicht.

Um das große Massaker zu verschleiern, sagt man: „Es waren die globalen Umstände, China, die Wettbewerbsdynamik, die Zeiten, die Systeme, der Kosmos… Jedenfalls nicht wir! Wir haben ihr, als sie röchelnd darnieder lag und deutsche Taxifahrer ihre Gäste zu später Stunde in Gespräche über Benjamins Geschichtsphilosophische Thesen verwickelten, mit Krücken, Gipsverbänden und Rollstühlen ja erst wieder auf die Beine geholfen: mit rechtsverbindlichen Modul- und Terminzwängen, strategisch durchgeplanter Verbundforschung, einer effizienten Angestelltenführungs- und belebender Wettbewerbs-Culture.“ Die Reha-Aufsicht besorgen freundliche Drittmittelgeber, die ihr die Themen, die Rahmenbedingungen und die Zielvereinbarungen – dezent, versteht sich, aber der Elfenbeinturm braucht das! – vorgeben. Wer zahlt, schafft an. Top down, die Wette gilt. Sind wir global player, oder nicht? Das ist demokratisch, ja mehr noch: es ist post-demokratisch.Und irgendwie ist es auch total frei. Denn: Wettbewerb ist Freiheit, Markt ist Freiheit, Leistungsprinzip ist Freiheit, Kontrolle ist Freiheit, Exzellenz ist Freiheit, Elite ist Freiheit. Und umgekehrt. Freier geht gar nicht.

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Seither herrschen Zustände an den deutschen Universitäten, die keinen internationalen Vergleich mehr zu scheuen brauchen, auch nicht mit CHINA-CHINA-CHINA und der „kommunistischen Marktwirtschaft“ (shehuizhuyi shichang jingji; vgl. Artikel 15 der Verfassung der Volksrepublik China). Höchstens den Vergleich mit universitären Fakultäten, in denen man sich noch vage an den – einst von Ernst Kantorowicz gegen die paranoiden Unverschämtheiten der McCarthy-Zeit bemühten – alteuropäischen Spruch erinnert: Spiritualis autem iudicat omnia et ipse a nemine iudicatur. Das war natürlich irre frech, elitär und anti-demokratisch, und was es heißt, muss man auch nicht mehr wissen, seit sämtliche HochschulmitarbeiterInnen [sic!] sich von Wissenschaftsmanagern (und nicht von altertümlichen Collegien) endlich demokratisch beurteilen, akkreditieren, evaluieren und kontrollieren lassen dürfen.

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[Filmplakat der gleichnamigen Komödie; Deutschland 2009]

Historisch richtig ist: Der elitäre Spiritus wurde natürlich schon lange vor Bologna verdächtigt. Und deswegen hat man den spiritualis homo seinerzeit auch seines äußeren Zeichens, nämlich des Talars, beraubt. Die Privation war in den späten 1960er Jahren als Denkzettel für seinen promisken Verkehr mit dem animalis homo gedacht, der sich im zoologischen Universum des Nazi-Reichs an den deutschen Universitäten karnickelhaft vermehrt hatte (übrigens nicht nur im Gebiet zwischen Todtnauberg und Freiburg). Der Angriff auf den Talar stand 1968 im Zeichen der Desillusionierung und Demaskierung. Es ging darum, seinen Ex-Nazi-Trägern die blutverschmierten Deckmäntelchen vom Leib zu reißen und den infamen Mord am Geist öffentlich zu machen, den sie begangen hatten: in der Soziologie so gut wie in der Germanistik, in der Philosophie so gut wie in der Romanistik, von den anatomischen und anthropologischen Instituten ganz zu schweigen. Die freche Denunziation war (so ging die Mode) dialektisch konzipiert: nicht als Verwerfung des Geistes, seiner Freiheit und Autonomie, sondern als Vertreibung seiner unwürdigen Vertreter – das heißt, als Affirmation der von ihnen besudelten Sache.

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[Szenenbild aus der Komödie „Servicestelle Evaluation“, Sequenz: „Exzellent führen. Führend forschen.“]

Die liberal-reaktionäre Retourkutsche, die dann in den späten 1980er und in den 1990er Jahren kam, verfuhr weniger dialektisch. Sie war zynisch (wie Gilles Châtelet gezeigt hat). Auf Rettung oder Aufhebung war sie nicht mehr aus. Sie drehte die alte 68er-Denunziation des spritualis homo schamlos um. Bitte ziehen sie die alten Talare sofort wieder an! Aber nicht mehr als Zeichen des souveränen spiritualis homo („der ist mausetot, he, he!“), sondern als neues, flottes Markenlogo und Corporate Identity Uniform, über welche der Portfolio-Fürst dieser Welt herrscht. Es geht nicht um Geist – nein, natürlich nicht, glotzen Sie doch nicht so romantisch! –, sondern ums Geld und um die Märkte. Daran hängt und danach drängt doch alles. Wo bleibt Ihre Drittmittel-Zielvereinbarung, Herr Kollege? Wo das Reputation-Ranking? Wo die Leistungszulage? Wo die externe Kontrolle? Meinen Sie, wir könnten uns Ihre rabulistischen Gedankenspielchen leisten? Glauben Sie, wir wüssten nicht, was eine vorausschauende Wissenschaftsplanungsführungsstrategie ist? Zum Beispiel in „Cultural Production“?

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[Szenenbild aus der Komödie „Servicestelle Evaluation“, Schlußsequenz: „Alles wird gut“]

Exzellent führen, führend forschen! So flüstert sie, die neue, alte Figur des „Managers als Führer in der deutschen Wissenschaft“ – mit einem Troß von prekarisierten MitarbeiterInnn, deren verantwortungsbewusste Freiheit exakt darin besteht, die Zielvorgaben der höheren Führung (die weiß, wo Innovationen winken) ordentlich umzusetzen, wenn möglich im Geist des Unternehmens immer schon zu antizipieren. Das Ganze im Rahmen lockerer Einjahresverträge, bei guter Führung vielleicht auch zwei Jahre („das klären wir am besten in einem Mitarbeitergespräch“). Es ist die Freiheit von knapp gehaltenen Tagelöhnern, denen man lustige Akademikerhütchen aufgesetzt hat. Der Fortschritt ist unaufhörlich: „Unter den Talaren / müffelte kaum noch / der Muff von 1000 Jahren / da roch / es schon nach Management & Sklaven.“ (Riccardo Krieg).

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[Szenenbild aus der Komödie „Servicestelle Evaluation“, Sequenz: „Du willst es doch auch!“]

Clemens Pornschlegel

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