Von der Wiederkehr des „deutschen Geistes“

Die Debatten um die ‚verspätete Nation’ oder den ‚deutschen Sonderweg‘ besaßen immer schon eine europäische Dimension, die mit den Nationalstaatsgründungen und den Fragen des europäischen Mächtegleichgewichts virulent wurde – und blieb. „Deutschland“, bemerkte der Schriftsteller und Journalist Arno Orzessek vor wenigen Tagen auf Deutschlandradio Kultur, „ist imagemäßig eine Hydra, ein Vexierbild, eine schillernde Nation“.

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[„Hydra legt ein gleißend Band / durch das ganze Land…“]

Deutsche Ambivalenzen

Seit dem späten achtzehnten Jahrhundert wurde in der deutschen Literatur in unregelmäßigen Abständen – von Schiller über Kleist bis hin zu Thomas Mann und Hugo von Hofmannsthal – immer wieder ein ‚deutsches Sendungsbewusstsein’ formuliert. Man verstand sich als kulturpolitischer Leitstern Europas oder, wie Thomas Mann in seinen Betrachtungen eines Unpolitischen schrieb: „In Deutschlands Seele werden die geistigen Gegensätze Europas ausgetragen.“ „Seelischer Kampfplatz für europäische Gegensätze zu sein: das ist deutsch.“ Hegemoniale Vormachtvorstellungen, die nach der erfolgreichen Integration Westdeutschlands ab 1945 kaum noch zu vernehmen waren.

In den gegenwärtigen Diskussionen um die deutsche Rolle in und der deutschen Verantwortung für Europa kehrt die Frage in überraschender Wendung und unter veränderten Vorzeichen auf die politische Bühne zurück. Jürg Altwegg wies in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf den kürzlich erschienenen Essay des italienischen Politologen Angelo Bolaffi, Deutsches Herz – Das Modell Deutschlands und die europäische Krise, hin, in dem dieser „ausdrücklich eine ‚deutsche Hegemonie‘ in Europa“ wünsche. Ähnlich deutschlandemphatische Töne schlägt der Essay Vive l’Allemagne des Sarkozy-Vertrauten Alain Minc an, der seinen französischen Landsleuten darin das ‚deutsche Modell‘ zur Nachahmung empfahl. Äußerungen, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wären.

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[Martin Heidegger in der Irre zwischen Meßkirch und Göggingen]

Eine Nation auf dem Weg zu sich selbst?

Der gerne als nüchtern, bieder, etwas vorhersehbar und unterkühlt belächelte deutsche Nachbar, ursprünglich als Exportweltmeister zum Hauptschuldigen für die europäische Krise erklärt, ist im Zuge des internationalen Krisenmanagements für den Großteil der europäischen Staaten als ökonomischer Riese zum Fels in der Brandung geworden. In der Außenwahrnehmung schwingt ehrliche Bewunderung mit: Das Land habe seine historische Schuld getilgt, die eigene wie die internationale politische Aussöhnung vorangetrieben und die Schatten der eigenen Vergangenheit abgeworfen.

Allerdings lassen sich – insbesondere aus dem krisengebeutelten Griechenland und Spanien – deutlich hörbare antideutsche Töne vernehmen, in denen auf die historische deutsche Schuld des NS-Regimes und deren ausstehende Tilgung verwiesen werden.

Ganz ähnlich wie in der Deutschland-Ausstellung De l’Allemagne, 1800-1939 im Louvre, bei der die französischen Kuratoren bewusst die Janusköpfigkeit der deutschen Kultur, kurzum: ‚das Faustische‘ des deutschen Charakters, in den Mittelpunkt rückten, oszilliert die Wahrnehmung Deutschlands bis heute merkwürdig zwischen beiden Extrempolen der Deutschlandhegemonie und deren Verteufelung.

Die Austreibung des ‚Geistes‘

Auch der Begriff des ‚deutschen Geistes’, der nach 1945 zusehends desavouiert worden war, ehe ihn der Medienwissenschaftler Friedrich Kittler in seiner noch heute aktuellen Studie zur Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften (1980) verabschiedet hat, erlebt gegenwärtig eine erstaunliche Renaissance. In der vergangenen Woche fragte der Bonner Philosophie-Professor Markus Gabriel in einem Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung nach dem Wohnort des „German Geistes“. Er nahm in diesem Zusammenhang die drohende Ersetzung des Husserl- und Heidegger-Lehrstuhls an der Universität Freiburg, die durch die Veröffentlichung der Tage- und Notizbücher Heideggers, den Schwarzen Heften, mitausgelöst wurde, zum Anlass, um auf ein durchaus problematisches Grundsatzphänomen hinzuweisen.

„In Deutschland“, so Gabriel, „wird die Auseinandersetzung mit unseren Klassikern an die USA delegiert. Man malt sich aus, an den dortigen Universitäten werde alles besser gemacht, also geben wir doch gleich Kant, Hegel, Nietzsche, Husserl und Heidegger ab und schreiben lieber Aufsätze über amerikanische Gegenwartsphilosophen. Fatale Projektionen und defätistischer Kleinmut bedrohen damit Deutschland als philosophischen Standort.“

Damit schließlich auch die historisch-kritischen Auseinandersetzungen und Aufarbeitungen delegiert, anstatt die brisanten Fragen nach der Unabgegoltenheit der deutschen Vergangenheit und der deutschen Geistes-Tradition selbst mit aufzuwerfen. Weder Heidegger noch das ‚Unwesen’ jener Geistes-Tradition, so Gabriels deutliche Kritik, werde man schlussendlich los, indem man die Augen vor ihnen verschließe.

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[Klaus Kinski als Friedrich Kittler; „Ein Grammophon aus Sachsen“, BRD 1975]

Schatten der Vergangenheit

Ganz frei von den Schatten der Vergangenheit, das hat Kittler in seiner pointierten Zuspitzung jener Austreibung, die in Wirklichkeit eine schlichte Verdrängung dieser Denkfiguren und ihrer Traditionslinie war, ist die deutsche Nachkriegsgeschichte demnach nicht. Insbesondere die Pegida-Demonstrationen mitsamt ihren Ausläufern nach Österreich erscheinen als Wiederkehr des Verdrängten, die eine Auseinandersetzung mit dem Begriff des ‚deutschen Geistes‘ und seiner Wirkmächtigkeit unumgänglich machen.

Dass der Literatur in dieser Auseinandersetzung eine wesentliche Rolle zufällt, hat zwei Hauptgründe: Zum Einen wird das deutsch-europäische Hegemonialversprechen seit dem späten achtzehnten Jahrhundert maßgeblich in ihr formuliert und diskutiert. Zum Anderen ist sie zugleich der Ort, an dem Kontinuitäten genauso wie die Wiederkehr des Vergangenen oder Verdrängten – von Thomas Manns Deutschland-Roman Doktor Faustus bis zu Heiner Müllers ‚deutschen Gespenstern’ – immer wieder problematisiert werden.

Thorben Päthe

Der Text erschien am 15. März 2015 auf ORF.science.at (http://science.orf.at/stories/1755347/)

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