ALEXANDRA LEGENDRE über Inzest, Vatermord und Untersagungen

„Text und Subjekt“ erlaubt sich die anti-zyklische Laune, einen Text der Psychoanalytikerin Alexandra Papageorgiou-Legendre aus dem Jahr 1992 in deutscher Übersetzung zugänglich zu machen: „Das Verbot. Prolegomena zur Problematik des Mordes“.  Der Aufsatz handelt von Dingen, die es seinerzeit noch gab: von Vätern, Müttern und Kindern und davon, wie man das eine vom anderen unterscheiden und weswegen man es manchmal nicht unterscheiden kann, worin die Vorteile der Unterscheidung und die Nachteile der Nicht-Unterscheidung liegen. Dass die Eltern nicht die Kinder und die Mütter nicht die Väter sind (und umgekehrt), versteht sich in der Tat nicht von selbst. In der Regel führt das Nicht-Verständnis der für die entsprechenden Differenzierungen notwendigen Verneinungen zu Neid, Mißgunst und anderen Katastrophen.

Die genealogischen Unterschiede verstehen sich umso weniger, als der liberal-libertäre Konsumismus die manipulative Ent- und Redifferenzierung (der Generationen und Geschlechter) bevorzugt und nichts so sehr verachtet wie untersagte Objekte. Da lacht die Marketing-Abteilung! „Wir versuchen eine frivole künstliche Welt zu kreieren, für die es weder ernste Dinge noch Humor gibt. Bis ans Ende wird sie auf der Suche nach FUN und SEX sein: eine Generation von Kids 4ever!“ (Michel Houellebecq: Die Möglichkeit einer Insel)

Die Überlegungen von Alexandra Papageorgiou-Legendre machen begreiflich, dass die Welt der KIDS 4ever! kein Zuckerschlecken ist. Die KIDS 4ever! wiederholen psychisch nur das, was auf ökonomischer Ebene auf Hochtouren läuft (und laufen soll): die ungezügelte Verschiebung von Kosten und Schulden, die den einen FUN & SEX ohne Ende, den anderen Psychosen, suizidäre Depressionen, Prekariate und panische Angst bescheren. Und manchmal sind die einen und die anderen: haargenau DIESELBEN.

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[„Eine Generation von KIDS 4ever!“]

Legendre-Untersagung

Post-Scriptum für Psychoanalyse-Verächter, die glauben, sich auf den berühmt-berüchtigten ANTI-ÖDIPUS (von 1972) berufen zu können. Der Untertitel des Buches lautete nicht umsonst: Kapitalismus und Schizophrenie. Die Konjunktion war kein Werbegag. Das UND hatte eine Struktur des permissiven Konsumkapitalismus im Blick, nämlich die Aushebelung des Realitätsprinzips durch fortlaufende Wunsch-Entfesselung und -Ausbeutung im Dienst der Kapitalakkumulation. Und das Anti-Ödipale meinte auch nicht: Freud vergessen und trotzig im Prä-Ödipalen sitzen bleiben. Es ging darum, Ödipus zu überwinden. Die sogenannte „Schizo-Analyse“ blieb der Psychoanalyse (und ihrer Entdeckung des Unbewussten) näher, als manche DurchblickerInnen meinten. Deswegen standen in Mille Plateaux. Kapitalismus und Schizophrenie 2 (von 1980) auch die folgenden, gern überlesenen Sätze: „Wir glauben, endlich alles begriffen zu haben. Wir sind moderne Kreuzritter, wir haben sogar eine Mission. Eine Mikrophysik des Flexiblen und Beweglichen hat die Makro-Geometrie des Starren und Sesshaften ersetzt. Aber diese Beweglichkeit hat nicht nur ihre Gefahren, sie IST die Gefahr. Zunächst einmal, weil die flexibel gewordene Segmentarität Gefahr läuft, die Affektionen der harten, starren Distinktionen im Kleinen zu reproduzieren: Man ersetzt die Familie durch WGs, Kollektive und Kommunen, die Ehe durch ständigen Partnerwechsel, und es wuchern die Mikro-Ödipusse. Die Mama fühlt sich verpflichtet, ihr Kind zu masturbieren, der Papa wird zur Mama. Eine obskure Klarheit, die von keinem leuchtenden Stern kommt und alles in eine gewisse Tristesse taucht. Die bewegliche Segmentarität entwickelt sich direkt aus der härtesten Segmentarität; sie ist ihr direkter Ersatz.“ [Gilles Deleuze, Félix Guattari: Mille Plateaux, Berlin 1992, S. 311]

Von derselben Tristesse handelt auch der Vortrag von Alexandra Papageorgiou-Legendre, den man gern mit Judith-Butler-Thesen abgleichen darf, zum Beispiel mit dem Satz: „Das Tabu gegen den Inzest und – implizit – gegen die Homosexualität ist eine repressive juridische Anordnung.“ [Butler: Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt a.M. 1991, S. 104] Dagegen steht der klinische Befund: Die Befreiung vom Verbot – „Nieder mit dem Inzesttabu!“ – führt direkt ins Reich der Übergriffe, Abhängigkeiten, Behinderungen und nächtlichen Jagden.

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[„Harry Powell hat eine Mission“]

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