Das K-Wort

Wie es sich für eine real-sozialistische Parteivorsitzende gehört, nahm Gesine Lötzsch vor vielen tausend Medien-Jahren mitten in Deutschland einmal das Wort „Kommunismus“ in den Mund. Das war menschenverachtend, verfassungsfeindlich, blutrünstig und recht ungeschickt. Denn prompt brach (wir erinnern uns, es war im Januar 2011) im deutschen Feuilleton ein Sturm der Entrüstung los. Und ewig grüßt das Murmeltier. Huch, das Gespenst geht wieder um!

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[Allegorie]

Am intensivsten entrüstete sich seinerzeit der Mode-, Pop-, Musik-, Lifestyle-, Literatur-, Politik- usw. -theoretiker (und Springer-Journalist) Ulf Poschardt, den das fürchterliche K-Wort dazu trieb, Slavoj Zizek, Toni Negri, Dietmar Dath und überhaupt die ganze verspießerte, altmodische, aus dem Mund riechende linke Kunst-Bourgeoisie in Grund und Boden zu schreiben. Es sprudelte nur so aus ihm heraus: „Hohei, Zeter, Mordio! Der Kommunismus ist ja noch viel toter als tot! Und ewig aus der Mode! Und wer das nicht begreift, ist selber doof! Der Spaß mit dem ‚radical chic’, Leute, das müsst ihr kapieren, der hört beim K-Wort auf… definitiv! Generation Golf hat gesiegt!

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[„Der doppelte Super-Ulf“; fröhliche Unterhaltungssendung WDR]

Das ultimativ ödipale Argument ging so: Der Kommunismus war fies, hässlich, er bestand aus Gulag, Stalin, Plaste, Elaste, Plattenbau, Nazis, Genickschuss, Holocaust, Erdbeben, Sintflut, blöden 68er-Deutschlehrern, linksliberalen Eltern usw. usf., das kann man im Ernst nicht zurückhaben wollen. Die Sache ist historischer Müll, rundum vergessen, Zizek ein gehypter Clown, der Dath auch, Negri ist Italiener! (und, möchte man heute hinzufügen, Tsipras ein Grieche!!)

Beiläufig brachte DJ „Culture“ Poschardt eine raffinierte Seitenüberlegung in Anschlag. Habt ihr gesehen, dass unsere Kommunisten-Freunde Prada und Hermès tragen? Ist das nicht eine irre Doppelmoral? Oh ja, das ist es! Weil (das ist ein Naturgesetz) Kommunisten bis zum Jüngsten Tag in Gummistiefeln, Wollunterhosen und C&A-Mänteln herumlaufen müssen. (Ungeachtet des prächtigen Heine-Satzes: „Wir verlangen Nektar und Ambrosia, Purpurmäntel, kostbare Wohlgerüche, Wollust und Pracht, lachenden Nymphentanz, Musik und Komödien.“)

Original-Zitat: „Isabelle Graw ist eine der eleganten Frauen Berlins – und des deutschen Kunstbetriebs überhaupt. Die Professorin für Kunsttheorie in Frankfurt und Gründerin wie Herausgeberin der „Texte zur Kunst“ trägt Hermès-Taschen so groß, dass man darin bequem zwanzig Bände der blauen Marx-Engels-Werkausgabe unterbringen kann.“

Ha ha ha ha!

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[Hermès Tasche, Modell „DJ Culture/Abfall-für-alle“; Kollektion 2011]

DJ Culture also machte einen Witz. Die Entrüstung, die jenem zugrunde lag, war allerdings sturzehrlich und überhaupt nicht zum Lachen. DJ Culture war im Übrigen nicht der einzige, der beim K-Wort plötzlich nur noch Parolen aus Willem-Zwo-, Hindenburg- und Barzel-Zeiten in den Loop schickte. In den gut-bürgerlichen deutschen Kinderstuben werden nicht nur Sarrazinsche Intelligenzquotienten, Playmobil-Figürchen, Chefredakteursposten, Allgemeinbildung, Immobilien, Manieren, Aktien, protestantische Arbeitsethik usw. weitervererbt, sondern auch die dazugehörigen Beißreflexe („Verfassungsschutz!“ „Ab nach drüben!“ „Berufsverbot!“ „Überwachung!“ „Nordkorea“ „Guantanamo“).

Das Problem ist das folgende. Während im Rest der Welt, zum Beispiel in Paris, New Delhi, Rio de Janeiro, Toronto, Tokyo, Madrid und London, aber auch in Berlin, Dortmund und München – Abhandlungen über den Kommunismus , ob als soziale Bewegung, politische Utopie, ökonomisches Konzept, in jeder ordentlichen Buchhandlung stehen und die Frage nach einer Alternative zum Krisen-Kapitalismus offen und zivil diskutiert wird, bekommt die selbsternannte ‚deutsche Intelligenz‘ (wie Hugo Ball die Sache einmal nannte) allein schon beim Hören des Wortes Mobilmachungsbedürfnisse, Kastrationsängste, Sandkastenreflexe. THE HORROR! Als ob es die deutsche Arbeiterbewegung nie hätte geben dürfen; als ob Marx, Liebknecht, Luxemburg, Bloch, Brecht, Benjamin bloß dummes Zeug von sich gegeben hätte; als ob die DDR jeden Tag aufs Neue radikal totalbesiegt werden müsste. Als ob es die Niedrigkeiten des Kapitalismus nicht gäbe und der laufende Klassenkampf eine Halluzination wäre.

Marx-Engels-Werke

[DDR-Abfall für alle; Bergbaumuseum Freiberg]

Kurzum, die Aggressivität, mit der die bürgerliche Öffentlichkeit in Deutschland auf das K-Wort reagiert, ist kulturell einzigartig. Mit Debatte, Argumenten, Diskussion und politischem Streit hat sie nichts zu tun. Was sich Bahn bricht in der MITTE, sind ausnahmslos Affekte: Rache, Wut, Ekel, Hass. Und sie sitzen tief.

Die Affektlage lässt sich nur aus der verkorksten politischen Geschichte des deutschen Bürgertums erklären. Es muss immer weiter „die Kommunisten“ verantwortlich machen für sämtliche Niederlagen, die es im 19. und 20. Jahrhundert hat einstecken müssen. 1871 standen die „vaterlandslosen Gesellen“ dem nationalen Neo-Absolutismus im Weg; 1918 waren die Kommunisten verantwortlich für den ‚Dolchstoß’ am unbesiegten Kaiserheer, 1933 für die Machtergreifung Hitlers (die man bekanntlich nur dann richtig versteht, wenn man sie als Reaktion auf den Bolschewismus begreift), 1945 für die Teilung des einigen (Nazi-)Vaterlandes, für die Vertreibungen, territorialen Kürzungen, infamen Bodenreformen, 1991 für den gemeinen Solidaritätszuschlag respektive die Folgekosten der DDR-Abwickelung. Kurz, aus jeder nationalen Niederlage und Schande grinst eine kommunistische Verrätervisage. Und das K-Wort funktioniert als historischer Universal-Müll-Container, in dem sich sämtliche Verbrechen, Gemeinheiten, Sinnlosigkeiten und Schuld(en)fragen der deutschen Geschichte problemlos entsorgen lassen. Wer es in den Mund nimmt, igitt!, der macht sich dreckig, ist nicht ganz bei Trost, hässlich, unlogisch, amoralisch, böse, verderbt.

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[Kommunismus-Entsorger „Ulf“; IKEA-Produkt 2012]

Der Umgang mit dem K-Wort ist ebenso phantasmatisch wie infantil. Er bezieht sich nicht auf historische, soziale, ökonomische, intellektuelle, sondern ausschließlich auf psychische Realitäten: verletzte Eitelkeiten, Verlustängste, Minderwertigkeitsgefühle, Zerstückelungsphantasien, Schuldgefühle.

Vielleicht wäre es zu Beginn des 21. Jahrhunderts einmal an der Zeit, das K-Wort etwas distanzierter zu hören. Nein, die Kommunisten sind nicht für die Massengräber des Ersten Weltkriegs und DAS GAS verantwortlich; nein, es waren nicht die Kommunisten, die Hitler zum Reichskanzler ernannt haben. Die historischen Sachverhalte sehen anders aus. Und darüber hinaus könnte man sich daran erinnern, dass der Begriff ‚Kommunismus‘ – von Babeuf über Blanqui, Lammenais, Cabet bis Bakunin, von Weitling über Heine bis zu Marx und Luxemburg – historisch älter ist als seine totalitären Versionen, dass Kommunismus also nicht identisch ist mit Marxismus-Leninismus, Stalinismus oder Maoismus. (Und nebenbei: „Die Linke“ wird weder von Pol Pot noch von Ho-Chi-Minh regiert.)

Die Mongolen Teil 1

[Gregor Gysi auf dem Parteitag der „Linken“, Berlin Mitte, 2011; exklusive Geheim-Fotoreportage aus der Tageszeitung „Die Welt“]

Einer der führenden Vertreter der französischen Neuen Linken, Jacques Julliard, schrieb 2010 in einem Aufruf zur programmatischen Neubestimmung des europäischen Sozialismus (Pour repartir du pied gauche, Paris 2010) denkwürdige Sätze zur seltsamen Asymmetrie zwischen der historischen Aufarbeitung des Nationalsozialismus und des Kommunismus. Man könnte sie auch in deutschen Wohnzimmern einmal zur Kenntnis nehmen:

„Merkwürdig, der Nationalsozialismus (und das ist sehr gut so) gab in der öffentlichen Diskussion Anlass zu tausenden von Büchern, zu hunderten von Kolloquien, zu unzähligen Interpretationsansätzen. Der Kommunismus vergleichsweise zu fast gar nichts. Als ob es gegenüber dem Nationalsozialismus eine Pflicht zur Erinnerung, gegenüber dem Kommunismus eine Pflicht zum Vergessen gäbe! Dieses Vergessen betrifft nicht nur die ehemaligen Kommunistischen Parteien, die der Begegnung mit der eigenen Vergangenheit stur und hartnäckig aus dem Weg gehen, es betrifft auch die Sozialdemokratie. Solange sie sich nicht der Aufgabe stellt, das sozialistische Abenteuer im 20. Jahrhundert neu zu interpretieren und neu zu formulieren, solange wird ihr versagt bleiben, von sich selbst im Futur sprechen zu können. Sie verdammt sich damit selbst dazu, nichts anderes als die ein bisschen ‚sozialere’ Variante des triumphierenden Kapitalismus zu sein.“

Anstelle paranoider Antikommunismen, die in der Vergangenheitsschleife hängen geblieben sind, hätten die Toten des vergangenen Jahrhunderts, mit all ihren Illusionen und Gemeinheiten, Hoffnungen und Verbrechen, endlich ein historisch genaueres Andenken verdient als das Wiederkäuen (ad nauseam) bis zum Brei durchgekauter Propagandaparolen aus dem Kalten Krieg. Wer im geschichtlichen Affektstau festhängt, wie cool und chic auch immer, der kommt nicht weiter.

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[Jed Martin: „9 postmoderne Intellektuelle versuchen im Rückwartsgang der Geschichte zu entkommen“; Videoinstallation 2013]

Clemens Pornschlegel

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