Zu Mozarts „Entführung aus dem Serail“

Mozarts Blick auf die Macht ist analytisch. Macht geht nicht von der Instanz des allmächtigen Souveräns aus, der ihr mysteriöser Ursprung wäre, sondern sie stammt aus intersubjektiven Verhältnissen, in die der Souverän – als normative Funktion – eingebunden und denen er verpflichtet ist. „Entweder Gnade oder Gewalt“, so lautet die Formel, mit der die Entführung aus dem Serail die Figur des Despoten politisch entmachtet. Entweder clemenza und Liebe oder aber: tödliche Feindschaft und blinde Rache (gegenüber einem a-sozialen ‚hors-la-loi‘).

Mozarts desillusionierende Darstellung der Macht (und ihrer gewaltbereiten Ohnmacht) gehört zur lachenden, die Komödie bevorzugenden Aufklärung des 18. Jahrhunderts. „Frauen liebten seinen Punk.“ (Falco) Die politische Theorie des 19. und 20. Jahrhunderts hat den komödiantischen Punk nicht verstanden und es vorgezogen, in tragisch aufgedonnertem Wagner-Weltenbrand-Pathos zu schwelgen (und Macht, Gewalt, Politik und Krieg miteinander zu verwechseln).

Mozart

Orient

Der Aufsatz „Die Ohnmacht des Despoten. Zu Mozarts Entführung aus dem Serail“ ist zuerst erschienen in: Dieter Mersch (Hg.): Die Medien der Künste, München 2003, S. 213-225; die französische Übersetzung unter dem Titel: „La question du pouvoir dans les opéras de Mozart.“, in: Alain Supiot (Hg.): Tisser le lien social, Paris 2004, S. 149-162.

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