Friedrich Kittler, Literaturwissenschaftler

« L’éclatante et noire vérité qui gît dans le délire »

Notiz zu Friedrich Kittlers literaturwissenschaftlichen Arbeiten

I

Friedrich Kittler (1943 – 2011) gehört zu den großen Germanisten  des 20. Jahrhunderts. Niemand hat im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts mehr Denkanstöße gegeben, niemand böseren Widerspruch auf sich gezogen, niemand hat das Fach und seinen Gegenstand grundlegender gedacht, und niemand hat es intelligenter in Frage gestellt.

Mit seiner Dissertation zum Werk Conrad Ferdinand Meyers, der Studie „Zur Sozialisation Wilhelm Meisters“, dem Band „Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften“, den legendären „Aufschreibesystemen 1800/1900“, der Aufsatzsammlung „Dichter, Mutter, Kind“ hat Friedrich Kittler eine Kunst der Lektüre in die Welt gebracht, auf die man an der deutschen Universität lange hatte warten müssen: nämlich auf Textanalysen und -interpretationen jenseits des üblichen, die Realitäten des 20. Jahrhunderts zielstrebig verkleisternden Humanitäts- und Humanismus-Geredes, das heißt, jenseits der schön-geistigen Interpretationskünste, der endlosen Negativschleifen der Kritischen Theorie und verbeamteten Einschwörungen aufs Bessere, Wahrere und Schönere, das die deutsche Literatur angeblich immer schon versprochen hatte: die Utopie der final erlösten Menschheit, des elysischen Glücks, des ganz anderen Deutschland. Und so weiter. Und so fort. Als ob jeder literarische Text seit 1800 immer nur Schillers „Ode an die Freude“ und Goethes „Iphigenie“ wiederholt hätte, selbstverständlich gegen die jeweils herrschenden sozialen, ökonomischen, politischen Verhältnisse; als ob jeder literarische Text je schon – als per definitionem gesellschaftskritischer Text – die ausstehende Menschheitsutopie der deutschen Klassik und ihrer vom Adel finanzierten Autonomie-Ästhetik eingeklagt hätte. Und je schlimmer oder heteronomer die Zustände historisch dann geworden wären, im 19. und 20. Jahrhundert, um so vehementer, trister und negativer hätte die Literatur singen müssen.

Es gab (und gibt) mindestens drei gute Gründe, mit diesem auf die Weimarer Klassik zentrierten Denkmuster der Literaturinterpretation, das sich in Adornos Noten zur Literatur so gut wie in Gadamers Wahrheit und Methode und Staigers Kunst der Interpretation finden lässt, nicht einverstanden zu sein. Erstens ist es nichts als national-totemistische Willkür zu glauben, dass alle literarischen Texte seit 1800 dem Idealismus der deutschen Klassik mit ihren Nicht-Seiendheiten verpflichtet und daran zu messen wären; dass alles immer wieder nur auf das Abziehbildchen vom ästhetisch erzogenen Menschen zulaufen müsste; dass die Expressionisten und die Futuristen, die Surrealisten und die Situationisten in ihrem letzten Seelen-Grunde immer nur – wenngleich in zunehmend dunkleren und tristeren Farben – das Reich der Freude und der Freunde, der Entsagung und allgemeinen Verwaltung besungen hätten. (Seit wann ist Tenderenda, der Phantast, dunkler als der Erlkönig?) Zweitens ist fraglich, ob das, was Schillers „Spaziergang“ oder Goethes „Iphigenie“ als Utopie entwerfen – der Mensch, der Pflicht und Neigung selbsttätig miteinander zu vermitteln und gebildet zu entsagen weiß, der im Einklang mit der Natur lebt, der keinen Staat und keine Polizei braucht, weil er sie ganz von selbst schon in und an sich verwirklicht, der niemals lügt –, ob dieses wundersame (wie Kittler spöttisch gesagt hätte) deutsche Staatsbeamten-Ideal (des vorauseilenden Gehorsams im Dienst des allgemeinen Guten) eigentlich erstrebenswert ist. Wenn man die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts nicht ganz vergisst, fängt es schnell an, gespenstisch, bleich, brutal und blutleer auszusehen. „Kind gib Ruh! / Die Äuglein mach zu! / Der Nachbar hängt am Baum / Du kriegst die Pflaum.“ Für traumatisierte Kinder des zweiten Weltkriegs riecht es nach Tod und Verwesung, und durch das Säuseln der Blankverse hört man auch noch das Befehlsgebell der Kasernen und Gefechtsstände: „Heraus aus euren Matten, lahme Zipfel!“ Wieso hatte der grandios klassische Humanismus, dem die deutschen Gymnasien und Universitäten so fleißig gehuldigt hatten, eigentlich nicht vor dem Absturz in die industrielle Barbarei und das genozidäre Management geschützt? GERMANIA TOD IN BERLIN. SCHÖN IST ES ZU STERBEN. Drittens bleibt die implizite Anthropologie des Ideal-Menschen und der bildungsbeflissenen Kosmopoliten aus den deutschen Wäldern sonderbar blass, allzu tintenklecksend, allzu ideal. Wo kommen darin – von pickligen Räuberbanden und Burschenschafts-Saufgelagen einmal abgesehen – Phänomene wie Transgression, Revolte und gefährliche Freiheiten vor? Wo bleibt das Unerhörte, Frivole, Skurrile, das Lebendige, der politische Streit?

Mit Friedrich Kittler wurde etwas anderes denkbar, die Tatsache nämlich, dass die Literatur des 20. Jahrhunderts den alten Goethe-Schiller-Humanismus nicht einfach nur verzweifelt fortschrieb und schlecht wiederholte, sondern dass sie ihn verabschiedet hatte. Sämtliche Avantgarden – das macht Kittler in jeder seiner literaturwissenschaftlichen Arbeiten klar – waren dazu angetreten, den altvorderen Idealismus zu bekämpfen und hinter sich zu lassen. André Malraux’ Satz „L’homme est mort“ aus dem Jahr 1926 verkündete keine Neuigkeit, er zog lediglich die Bilanz einer Einsicht, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts virulent war. In der avantgardistischen Literatur ist das Ewig-Hülfreich-Gute schon lang nicht mehr da. Man sieht es noch ein bisschen herumspazieren bei dem bürgerlichen Unterhaltungsschriftsteller Thomas Mann, aber man sieht es nicht bei Charles Baudelaire und Flaubert, nicht bei Kleist und Büchner, nicht bei Kafka und Franz Innerhofer, nicht bei Hugo Ball und nicht bei Herbert Achternbusch, nicht im Surrealismus und nicht im Dadaismus. Der Mensch des bürgerlichen Humanismus ist korrumpiert, kaputt, zerbombt und zerschossen. „Wanderer kommst Du nach Spa…“ ”Um einen Feuerball rast eine Kotkugel, auf der Damenseidenstrümpfe verkauft und Gauguins besprochen werden…”

Von den Irrsalen, von der Unzulänglichkeit und vom Verschwinden des Menschen in einem fremden, unerhörten Chaosmos erzählt die Literatur, bei Lautréamont, bei Rimbaud, bei Robert Walser, bei Ernst Jünger, bei Artaud, bei Benn. Die Botschaft von der Defizienz, der Unzulänglichkeit, der Manipulierbarkeit, von der Korruption, Dummheit und Bosheit des so genannten Menschen ist es, welche die moderne Literatur als Flaschenpost in die Welt schickt. Sie sagt nicht: Der Mensch ist schön, hilfreich und gut und nur die Zustände (speziell: die Eigentumsverhältnisse) sind dunkel und böse, sondern: Die Welt mitsamt den geschäftigen, eigentumsversessenen Idioten, die auf ihr herumsausen, ist verrückt, gewalttätig, mörderisch, zynisch, und sie pfeift in einem fort auf das idealistisch verlogene Kunst- und Kultur-Gerede der Bürger, die nie wissen wollen – in Büchners Woyzeck kann man das bereits nachlesen – wer im Ernstfall den Kopf für sie beziehungsweise für die Aktienpakete und ihre Drei-Groschen-Sentenzen hinhalten muss. Die Literatur berichtet vom verzweifelten, absurden, tragischen und tödlichen Ernstfall, von Zuständen, die mit Weimarer Prinzessinnen-Tratsch nichts zu tun haben. Sie malt nicht Nippes-Utopien an die Wand, vom Schicklichen und nützlich Tätigen, sondern sie schreit das Unmögliche, das Ekelhafte und das Unerträgliche der Welt mitsamt ihren kleinen, allzu kleinen Menschen-Idealen hinaus, das Unerträgliche der Existenz, und das Unerträgliche der Reden, mit denen die Leute in die Massengräber befördert werden. Mit Blümchengefühlen hat sie nichts zu tun. Dafür schämt sie sich, und davor flieht sie – und zwar auf allen Fluchtlinien des Tier- und Maschinen-Werdens. Kafkas Tiere sind keine allegorischen Verkleidungen des Menschen, so wenig wie Rilkes Engel; es sind Fluchten aus der Menschen-Welt, reale Verwandlungen, tatsächliche Experimente der Animalität und der Automaten.

II

Welcome to the machine! Mit dieser anti-humanistischen Wendung – die im strukturalistischen und poststrukturalistischen Frankreich der 1960er und 1970er Jahre bereits publik geworden war – ist der Literaturwissenschaftler Friedrich Kittler in Deutschland wegweisend geworden. Weil er nämlich versuchte, anders als die Vertreter der Kritischen Theorie, der Gadamerschen Hermeneutik oder der marxistischen Literaturinterpretation, das Unerträgliche und das Anti-Humane der Moderne zu denken – und ihm standzuhalten.

Was an seinen Texten und noch mehr in seinen Vorlesungen und Seminaren fesselte (und nicht wenige verärgerte), war der verächtliche Blick auf den gängigen Kultur-, Kunst- und Feuilletonbetrieb, sein lautes Gelächter darüber: einerseits den Humanismus oder den Menschen in der Kultur und der bürgerlichen Öffentlichkeit hochhalten, während gleichzeitig – das ist die historische Erfahrung, mit der wir alle leben – die industrielle Massenvernichtung, die wüsten Propaganda-Delirien und die Maschinen toben, die Fließbänder, die Automaten, die Raketen und die Radiowellen. Das technische Regime des „Ge-Stells“ hat mit pädagogischen Konflikten zwischen „Individuum und Gesellschaft“ (wahlweise: Natur und Technik, Wissenschaft und Moral) nichts zu tun; es bewegt sich in anderen Dimensionen und rechnet mit anderen Kategorien. Kein Generalstab und kein Industrie-Stratege kümmert sich darum, wie sich jemand am letzten Montag in seiner Privat-Liebes-Neurose fühlte. Das ist in der Tat zum Lachen (beziehungsweise zum Heulen).

Deswegen setzte Friedrich Kittler alles daran, mit dem falschen Innerlichkeits- und Menschenkult in der Literaturwissenschaft ein für allemal Schluss zu machen und die Literaturwissenschaft endlich (wieder) in jene unwirtliche, grausame Wirklichkeit zu befördern, aus der die Texte de facto schon lange kamen: aus den Schützengräben, den Asylen, den Lagern, den Erdlöchern, den panischen Visionen, aus dem kalten Bauch der Kampfmaschinen. Genau davon schreiben Jünger, Trakl, Benn, Benjamin, Brecht & Co. Nicht vom guten Menschen. „Unbegrenztes Vertrauen allein in I.G. Farben und die friedliche Vervollkommnung der Luftwaffe.“ Die Literatur des 20. Jahrhunderts – das war Kittlers andere, viel genauere Botschaft – kommt aus einer Realität, die partout nicht wahrzunehmen und zu übersehen die feingeistigen Interpreten bislang angetreten waren. Sie kümmerten sich nie (und diese Weigerung hatte etwas Gespenstisches) um die blutige, alptraumhafte Wirklichkeit. Crisis? What crisis? Und während überall das geschichtsvergessene Gerede vom menschlichen Menschen, vom Reich der Freiheit und der schönen Kunst nicht aufhörte, begegnete man ohne Ende grinsenden Alt-Nazis, Atomkriegsdrohungen, Einsatzbefehlen und hatte es mit Siemens, Krauss-Maffei-Wegmann, IG Farben, Mercedes-Benz, BP und Texas Oil zu tun, das heißt, mit der Welt, wie Thomas Pynchon sie in Gravity’s Rainbow beschreibt und wie Heiner Müller sie auf die Bühne bringt. Entsprechend suspekt musste es einem auch vorkommen, wenn der offizielle Akademie- und Kulturbetrieb die Humanität mitsamt kritischer, rationaler, aufgeklärter Öffentlichkeit immer wieder abfeierte. Nichts davon stimmte. Gar nichts. Die Öffentlichkeit ist nicht kritisch, die Humanität hat Hitzefrei, der Traum vom besseren Leben ist so schal und fad wie ein Urlaubskatalog;  der zwanglose Zwang des besseren Arguments ist ein Witz aus dem Lehrerzimmer. Für wie blöd will man uns eigentlich halten? Pfeiffer mit drei f, ha ha ha.

III

Friedrich Kittler hatte als einziger in der bundesdeutschen Universität der 1970er und 1980er Jahre den bösen Blick und den bitterbösen Ton, der dieser anti-humanistischen Wahrnehmung entsprach, und er betrieb aus genau diesem Grund auch die „Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften“. Das hieß (nicht mehr, aber auch nicht weniger) als: Der Geist (zumal der deutsche) hat sich gründlich blamiert, er kann die Realitäten nicht mehr denken, weil er selbst nur ein (sich selbst verkennendes) Teilchen von Technik-, Macht- und Diskursordnungen ist, ein Kräuseln an der Oberfläche – aber nicht Herr der Lage. Damit führte Kittler jenen desillusionierten und traumatisierten Blick in die Literaturwissenschaft ein, welcher der Situation entsprach. Die Literatur steht nicht über der Wirklichkeit als grandioser, idealer Spiegel, in dem man die ganze Welt, womöglich als erlöste, erkennen könnte. Sie ist stattdessen eine panische Reaktion auf Prozesse, die sie nicht beherrscht, deren Brutalität sie indes beschreibt. Wer die Texte des 19. und 20. Jahrhunderts verstehen will, muss sich deswegen auch um die dreckigen Realien und Realitäten kümmern, aus denen sie stammen und deren Wahrheit sie zu sagen versuchen. Um Kafkas Bau zu verstehen, muss man die Logik des Stellungskriegs studieren, um Benns Gedichte angemessen zu lesen, muss man sich um die Industriepolitik der Wehrmacht kümmern, und Rilkes Malte lässt sich im Zusammenhang mit der Experimentalpsychologie lesen. Es reicht nicht, die Texte einfach nur immanent, das heißt, im überkommenen Goldrahmen schön-geistiger Literaturgeschichten zu lesen, wenn man ihre Logik und ihre Gegenstände begreifen will. Man muss die Texte in Kontexte, in Diskursordnungen und epistemologische Felder stellen, die sie nicht abspiegeln (so dass man die Geschichte des 20. Jahrhunderts womöglich als friedliche Literaturgeschichte erzählen könnte), sondern in denen sie stehen und aus denen sie kommen. Anders gesagt, mit seinen akribischen Kontextstudien (ob zu Schiller, Goethe oder Kleist, zu Benn oder zu Pink Floyd) hat Friedrich Kittler auch den Weg bereitet für das, was in den 1990er Jahren dann unter dem Titel der ‚cultural studies’ prominent geworden ist: eine kontextorientierte, epistemologisch ausgerichtete Literaturwissenschaft (deren untertänige Unterwerfungsgesten an die Adresse des amerikanischen Imperiums er allerdings nicht mitgemacht hat).

IV

Friedrich Kittler war und ist der erste germanistische Literaturwissenschaftler der Bundesrepublik, der (als Schüler Heideggers und Foucaults, aber auch Hugo Friedrichs und Johannes Lohmanns) einen systematischen Blick für die Realien und Materialitäten des 20. Jahrhunderts entwickelt hat: für Drogen und Macht, für Rockmusik und Panzerproduktion, Industrietechnik und Kryptographie, Polizeistrategien und Hygienepolitik. Und der zugleich auch ein Auge und ein Ohr dafür hat, wie und auf welche Weise die moderne Literatur die Wahrheit dieser Wirklichkeiten sagt: als dunklen Wahn nämlich, der in jenem Abgrund rumort, über dem wir alle sitzen.

Was im Anti-Humanismus Kittlers immer mitgesagt ist – und was viele Leute erschreckt und verärgert hat – ist in der Tat auch die These, dass das Menschentier, das ‚parlêtre’ Lacans, im Grunde ein psychotisches Tier ist, und zweitens, dass die Wahrheit (wenn sie etwas anderes sein soll als die Angleichung oder adæquatio dessen, was man sieht, an das, was man bittschön sehen soll) vorzugsweise im Delirium aufbricht. Kittler bezieht sich damit auf eine poetische Wendung aus dem „Anti-Ödipus“, die lautet: „l’éclatante et noire vérité qui gît dans le délire“. Mit anderen, einfachereren Worten: Die Irren sagen die Wahrheit, nicht die im Imaginären befangenen Normalen, nicht die Neurotiker mit ihren kleinen Lebenslügen, Schuldgefühlen, aufgeblasenen Über-Ichs. Wenn die Literatur die Wahrheit der Zustände und der Verhältnisse sagt, dann tut sie das – eben weil die Wahrheit ein Wahnsinn ist – als Reise in den Wahn (des Realen) und ins Herz der Finsternis. ”I’ll see you on the dark side of the moon.”

Man muss das Argument gar nicht systematisch entfalten, um es begreifen zu können: Natürlich sagen Antonin Artaud und Robert Walser, die eingesperrten Schizos, die Wahrheit, wenn sie wie Artaud aus seiner Irrenhauszelle die Welt als Scheißhaufen beschreiben oder wie Walser in seinem Bleistiftgebiet das Leben der Angestellten als ein Leben voller Stimmhalluzinationen aufzeichnen. Natürlich beschreibt Kafka, allein in seiner vampiresken Schreibgruft, schon die Logik kommender, totaler Staatsbürokratien. Natürlich sagt der Senatspräsident Schreber, die Strahlen Gottes im Arsch, die Wahrheit über Professor Flechsig (und nicht umgekehrt). Umgekehrt gefragt: Soll man die Wahrheit tatsächlich erwarten von Leuten, die ihre Wähler oder Klienten oder Feinde bei der Stange halten müssen und sie täuschen wollen? Soll man im Ernst eine wahre Rede (eine Parrhesie) erwarten von Ministern, Kanzlern, Generälen, Vorstandsvorsitzenden, Abteilungsleitern, PR-Abteilungen, die mit Worten ihre angestellten Leute marschieren lassen müssen? „Make them laugh, make them cry / Make them lay down and die.“ Natürlich geht es genau darum: „make them lay down and die.“ Alle Welt weiß es. Wo der Rest der Welt alles daran setzt, sich Gute-Nacht-Geschichten zu erzählen und erzählen zu lassen, um dem Unerträglichen und dem Wahn nicht in Auge zu sehen, dort setzen die Poeten-Deliranten sich dem Unerträglichen aus und künden davon: als Propheten, Landvermesser, Schlachtenbeschreiber, Seismographen, Medien. Wie und wo könnte die unerträgliche Wahrheit anders erscheinen, wenn nicht im Delirium?

V

Solche Thesen, die aus Frankreich kamen (von Breton, Bataille, Artaud, Lacan, Foucault…, nachdem man in Deutschland hässliche Wahrsager wie Nietzsche, Heidegger, Ball, Carl Schmitt, Brecht, Spengler usw. im Giftschrank hatte verschwinden lassen) und die Friedrich Kittler in die germanistische Diskussion frech wieder eingeführt hat, sind auf erbitterten Widerstand gestoßen. In den 1980er Jahren gab es bekanntlich auch eine wüst geführte Schlacht – eine Art ‚Verdun reloaded’ – gegen und um die sogenannten „Franzosen“, von Lacan bis Lyotard, von Derrida bis Deleuze. Das waren – man sollte den deutsch-nationalen Unsinn von gestern nicht einfach vergessen – ‚präfaschistische Scharlatane’ und ‚frivole Sophisten’. Sie hatten angeblich, so sang es die neue Wacht am Rhein, keine Ahnung vom Kantischen Subjekt und vom Mit-sich-selbst-vertraut-Sein des Ich; sie wollten, so ging das Gerücht am Main, die Figur des Autors und die Kritik am Schlechten der Gesellschaft nur wüst guillotinieren; und als üble Terroristenhorde spuckten sie, so geiferte die reine Vernunft, in einem fort auf die Menschenrechte, kurzum: es handelte sich um Subjektverächter, Feinde der Menschheit, Irrationalisten, böse Buben.

Friedrich Kittler war in der Tat ein böser Bube. Klaus Theweleit hat diese öffentliche Position in seinem Buch der Könige sehr schön beschrieben, und er rückte Friedrich Kittler in eine Reihe mit Rolf-Dieter Brinkmann und Heiner Müller. Kittler las die bösen Franzosen (wie Müller auch), er übersetzte sie ins Deutsche und glaubte ausgehend von Freud und von Heidegger tatsächlich nicht an die (heute kann man sagen: billige) Illusion des mit sich selbst vertrauten Ich oder an eine Geschichte, die sanft, friedlich und kommunikativ aufgeklärt auf die erlöste Menschheit zusteuerte.

Was Friedrich Kittler sich vorgenommen hatte, war und ist etwas anderes: Er wollte die Gegenwart der Techniken und Machtkomplexe entziffern, wie sie aus der Katastrophengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts über und auf uns gekommen sind. Wenn die Welt brennt, so lautet die Devise, dann deklamiert man nicht selbstverliebt Mondschein-Gedichte und plaudert ästhetisch am Teetisch, sondern dann hat man gefälligst die hydraulischen Systeme zu studieren. Wenn Reagan „Star Wars“ verkündet, dann hat man gefälligst die Technologien zu denken und zu studieren, mit denen sie geführt werden.

Die Versuche herauszufinden, wer oder was bestimmt, was ist, hat immer etwas Paranoides. Das war noch nie ein Geheimnis, und Friedrich Kittler hat auch nie einen Hehl daraus gemacht. Er war ausdrücklich (ausgehend von Lacan) der kritisch paranoischen Methode der Surrealisten verpflichtet, der „connaissance paranoïaque“. Die erkenntnisleitende Frage lautet damit: Welche obskuren Mächte sind es, die uns die Welt so zuschicken, damit wir sie sehen, wie wir sie sehen? Wer gibt uns was, wann, wie zu sehen? Und wer verbirgt uns was? Zu glauben, dass man einfach und naiv Zugriff haben könnte auf das, was ist, dass die Welt, die man sieht und hört und schmeckt und riecht, nicht das Machwerk von Propagandastellen und Industrieabteilungen ist, zeugt im besten Fall von Ahnungslosigkeit, im schlechteren von intellektueller Faulheit. Genau deswegen aber hat man sich zu kümmern um Kommunikations- und Medientechnologien, wie sie aus den Laboratorien des militärisch-industriellen Komplexes kommen: um Grammophon, Radio, Radar, Telephon, Fernsehen, Tonband, Computer. Das sind die Wundermaschinen, welche die Welt zur Erscheinung bringen und uns (verbergend) zeigen, was ist. Die Prozesse, die in ihnen ablaufen, definieren das, was es zu sehen und zu hören gibt und wie weit unsere Welt reicht. Medien bestimmen unsere Lage. Damit beginnt der Medienhistoriker Friedrich Kittler, der die Arbeit des Literaturwissenschaftlers fortsetzt und sie systematisch verschärft.

Clemens Pornschlegel

 

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