Alain Badiou, Universal-Philosoph

Zimperlich geht es unter Pariser Intellektuellen nicht zu. Schon gar nicht, wenn es um Politik geht. „Dumpfbacken-Platoniker“, „Meta-Skataloge“, „Moral-Bürokrat“, „axiomatische Boa constrictor“, „Regimentshumorist“, „metaphysische Kokotte“. Die Invektiven gelten dem mittlerweile fast achtzigjährigen Alain Badiou, dem letzten „maître-penseur“ der 68er-Generation. Erfunden und losgeschickt hat sie der 1973 geborene Mehdi Belhaj Kacem, der zu den produktivsten Köpfen der jüngeren französischen Intellektuellen zählt. Kacem hat 2006 unter dem Titel „Die französische Psychose“ eine bemerkenswerte Analyse der Banlieue-Aufstände vorgelegt und die verleugnete Exklusionslogik der Republik offengelegt. Die wütenden Schmähreden gegen Alain Badiou, dessen Vorzeigeschüler Kacem einmal war, sind nachzulesen in einer vierhundertseitigen Streitschrift, „Après Badiou“ , die im März 2011 erschienen ist, und zwar unter den Fittichen – weiter lässt sich der Verrat nicht treiben – Bernhard-Henry Lévys. Ende 2011 hat Kacem unter dem Titel „Die Verschwörung der Tartuffes“ (La conjuration des Tartuffes) dann noch einmal nachgelegt und den Herdeninstinkt der heuchlerischen Badiou-Verehrer angeprangert.

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Mehdi Belhaj Kacem

Das Pamphlet, das mit dem System Badiou ebenso wütend wie präzise abrechnet, hat im Quartier Latin für viel Aufregung gesorgt. Was den Fall selbst angeht, war sie übertrieben. In Kacems Buch steht nur das, wenngleich gespickt mit Anekdoten aus dem Gruselkabinett des Vulgärphallokratismus, was jeder aufmerksamere Leser (eigentlich…) immer schon hätte wissen können (wenn man gewollt hätte): dass es sich bei Badious Politik-Philosophie um eine mit Lacan und Bourbaki, Platon und Paulus aufgebrezelte Apologie der Großen Vorsitzenden Stalin und Mao inklusive Gulag, Schauprozessen, Umerziehungsprozeduren und Gehirnwäschen handelt. Wenn es nämlich um die reale Herstellung des Universalen Neuen Menschen und die politische Wahrheit geht, so lehrt Badiou seit Jahr und Tag, dann fallen ein paar Leichen mehr oder weniger nicht weiter ins kosmisch metaphysische Gewicht. Wieso soll der Kommunismus nicht können, was die spanische Inquisition vorgemacht hat? Im Himmel der ewigen Wahrheiten säuseln nur reine, köperlose Essenzen. Und sterben müssen die alten Menschentiere so oder so. O-Ton Badiou: „Die Mathematik, wenn man das Messer des marxistischen Barbiers mit ihrer Präzision versieht, ist jene unverwüstliche Klinge, mit der man die Schweine bluten lässt.“ Kacem hat vollkommen recht, wenn er dazu anmerkt: „Wir haben hier ein perfektes Konzentrat all dessen vor uns, was bei Badiou absolut faul und ungenießbar ist. Unverdaulich ist nicht nur die großmäulige Metaphorik, die den Rest der Rasselbande einschüchtern soll. Der Satz veranschaulicht vor allem auch die Nullität der ganzen sogenannten ‚Politik’, die uns der Träger des Ordens für Realitätsverweigerung seit Jahrzehnten andrehen will. Sie können den Satz so oft in den Mund nehmen, wie Sie wollen. Sie werden ihn beim besten Willen nicht hinunter kriegen.“

Hohenschoenhausen

Wahrheitsprotokoll 1 (Schema)

So intelligent Kacems Abrechnung mit Badiou ist, so verzweifelt und pathetisch ist sie auch. Spätestens nach vierzig von vierhundert Seiten fragt man sich, warum ein so kluger Kopf wie Mehdi Belhaj Kacem eigentlich nichts Besseres zu tun hat, als die karge und eintönige Ideenlandschaft eines strenggläubigen Alt-Maoisten zu durchqueren. Badious Tätigkeit bestand in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hauptsächlich darin, wie er selbst zu Beginn seiner Deleuze-Monographie erzählt, sich an der wunderbar chaotischen Universität Vincennes zum Führer „bolschewistischer Interventionsbrigaden“ aufzuschwingen, um Seminare und Vorlesungen zu überwachen, falls nötig zu sprengen, am liebsten die Veranstaltungen des Faschisten Deleuze. Die Wunsch-Ströme, Driften und Flüsse, von denen Deleuze sich wegtragen ließ, Tier-Werden, Kind-Werden, Wasser-Werden, erschienen dem Präzisionsmarxisten derart bedrohlich, dass sie unter Androhung von proletarischen Volks-Standgerichten unterbunden werden mussten. Für rettungslos klein-bourgeoise Dekadenzler wie Derrida oder Lacoue-Labarthe kam nicht einmal mehr die Prozedur einer anständigen Selbstkritik in Frage.

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Ästhetik des Widerstands (deleuzianisch abdriftend)

Nachträglich stellt sich damit die Frage, was in Paris – aber nicht nur dort – seit drei Jahrzehnten eigentlich schiefgelaufen sein muss, damit am Ende ausgerechnet ein Denkpolizei-Chef wie Alain Badiou als General-Vertreter der linksintellektuellen Generation der Foucault, Derrida, Deleuze, Lyotard, Châtelet, Lecourt usw. durchgehen kann. Mit jedem Satz haben sie gegen Gulag-Kommunismen, Überwachungsterror, Parteidiktaturen, Umerziehungslager, Stasi-Verhöre… angeschrieben. Im Gegensatz zu Alain Badiou, der die Schauerlichkeiten des siegestrunkenen Realkommunismus für nicht so wichtig hält. Und genau betrachtet, sind sie auch nicht schauerlich. Im asiatischen Despotismus von Stalin, Mao und Pol Pot gilt es nämlich, das einzig wirkliche politische Ereignis des 20. Jahrhunderts zu erkennen, das ontologische Universal-Ereignis, das wirklich zählt. Folglich bläut Badiou seinen Schülern ein: „Das Erbe Stalins und Maos muss absolut das unsere sein; wir dürfen hier niemals das Urteil der ‚demokratischen’ Propaganda übernehmen.“

Dass Badiou sich als Universalerbe der „french theory“ eingesetzt hat, ist in der Tat freche Erbschleicherei. Sie wird nicht kleiner, wenn man von Kacem erfährt, dass er sämtliche Konkurrenten unter uns am liebsten als saudämliche „Kleinbürger“ denunziert. Deleuze? Kleinbürger! Derrida? Durch und durch Kleinbürger! Guy Debord? Noch ein Kleinbürger! Agamben? Demokratischer Kleinbürger!

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Kein Kleinbürger!!!

Spätestens hier beginnt man zu ahnen, worin das mühselige Unternehmen Mehdi Belhaj Kacems tatsächlich besteht und warum es für einen Vierzigjährigen notwendig ist, die Epoche „nach Badiou“ einzuläuten. Auf dem Spiel steht das politische Erbe des französischen Linksintellektualismus, das seit Mitte der 1990er Jahre von zwei Seiten her abgewickelt und zugleich monumentalisiert worden ist. Auf der akademischen Seite ist die „french theory“ durchgängig auf eine a-politische, anthropologische Kultur-Kulturtheorie reduziert worden. Gekappt wurde jeder Bezug zu konkreten sozio-politischen Praktiken, die für die Arbeiten Foucaults, Deleuze und Guattaris oder Derridas zentral und tragend waren: Anti-Psychiatrie, Schwulenbewegung, die Informationsgruppen in den Gefängnissen, Gewerkschaften, Justizkritik. Seit Mitte der 1990er Jahre gibt es diesen Bezug zu einem Außen nicht mehr; die Universitäten sind mittlerweile wieder das, was sie vor 1968 auch schon waren: anti-intellektuelle Institutionen, die Diplome liefern und die soziale Reproduktion gewährleisten. Politisch gedacht wird anderswo. Auf der anderen Seite, das heißt, auf Seiten der politischen Linken haben den Sturz des Sowjetkommunismus paradoxerweise am besten die gedanklich totalresistenten, dogmatischen Kaderorganisationen überlebt. In Frankreich sind das die Kommunistische Partei, die Linksfront, die trotzkistische Liga sowie die diversen Rest-K-Gruppen, zu denen auch Alain Badious ziemlich geheime (in Frankreich jedenfalls nicht weiter bekannte) „Organisation Politique“ (O.P.) zählt. Zwischen den beiden wunderbar restaurierten Fronten aber – entpolitisierte Universität hier, dogmatischer Kaderkommunismus dort – wird das linksintellektuelle Erbe der „Pensée 68“ hin- und hergeschoben. Als politisches Denken ist es mausetot.

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Organisation Politique

Die generationellen Überlegungen Kacems zu seinem symbolischen Vatermord an Badiou werden vor diesem Hintergrund verständlicher: „Vor sechs Monaten schrieb mir ein Freund und kopierte zum x-ten Mal eine mail des Meisters: wir wären doch eine ziemlich arme Philosophengeneration… Das ist Quatsch. Genau das Gegenteil ist richtig. Es gibt schon eine jüngere Generation, für die wir den Weg bereitet haben, indem wir alle kategorischen Imperative des demokratischen Nihilismus bekämpfen. Eine Generation, die dem aber nichts mehr schuldet, lässt sich auch nicht mehr von den Überich-Nebeln der 68er beeindrucken, von denen zuletzt nur noch der maoistische Bluff übrig geblieben ist. Und dann kann sie angesichts der apokalyptischen Situation, in der wir uns befinden, ökologisch, ökonomisch, sozial, endlich auch die Gedanken produzieren, die der Lage entsprechen. Der ganze transzendentale Machismus und mathematische ‚Platonismus’, den Badiou, total ‚monumentaaaal’, irgendwo zwischen Wagner und Mao anrührt, wirkt dagegen lächerlich.“

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Wahrheitsprotokoll 2 (Schema)

Im Gegensatz zu ihren Vorgängern wird die neue Generation von Linksintellektuellen an der Universität nur noch sporadisch zu finden sein; und in den etablierten Parteien wird man sie vergeblich suchen. Sie wird eher Mehdi Belhaj Kacem und seinen Freundinnen und Freunden aus dem Umkreis der Revuen Tiqqun oder EvidenZ ähneln, die – précariat oblige ! –  zwischen Anonymat und Medienexistenz, Büchermachen und Bloggen, Landkommunen und Schauspielerei hin und herpendeln.

C.P.

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