Das Heilige auf allen Kanälen

Der folgende Artikel ist vor zehn Jahren erschienen, damals unter dem Titel: „Das Göttliche Ding. Die Rückkehr der Religionen im Zeitalter der Globalisierung.“ (Süddeutsche Zeitung, 10. Juli 2006, S. 11.)

„Wer vom ‚religious turn‘ redet, sollte vom Kapitalismus nicht schweigen.“

Riccardo Krieg

Das Religiöse ist wieder da. Ehemalige Che-Guevara-Anhänger bedenken die Gottesfrage, Popliteraten schreiben über den Papst, Philosophen kommentieren die Paulusbriefe, Boulevardblätter berichten von himmlischen Erleuchtungen. Ein Medienphilologe beendet sein jüngstes Buch über „Hellas“ gar mit einem Sturmgebet an die Große Göttin: „Aphrodite, bleib uns nah.“ Das war nicht als Witz oder ironisch gemeint, sondern bitterer, polytheistischer Ernst. Boshafterweise gab sich die deutsch-hellenische Götterfeier offen anti-christlich und nebenbei auch antisemitisch. Die griechischen Götter waren sexy und gut, die semitischen wüst und leer. Als ob der ‚Kulturkampf’ nie aufgehört hätte, von dumpfen ‚Weltanschauungskämpfen’ ganz zu schweigen. Man reibt sich die Augen.

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Der hl. Slavoj (Zizek)

Dass die Gegenwart die Signatur eines zum Teil sehr konfus und aggressiv wiederkehrenden Religiösen trägt, ist jedenfalls schwer zu übersehen. Die raunende Rückkehr zu den Heiligen Büchern, von den Vorsokratikern bis zur Bibel, steht überall auf der intellektuellen Agenda, damit aber auch die Rückkehr zu jenen monumentalen und fundamentalen Wahrheiten, mit denen es ums große Ganze geht: um Leben und Tod, Liebe und Hass, Freund und Feind, Vernunft und Wahn. Die Dandys der ironisch blasierten Postmoderne haben sich mittlerweile ins Kultur-Kriegerkostüm geworfen und bevorzugen das apokalyptische Register. Hoffentlich wissen sie, was sie tun. Wer sich mit dem Absoluten beschäftigt, hantiert bekanntlich mit sozialem und politischem Sprengstoff.

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Hobby-Theologie 1 (späte Postmoderne)

Die Einheitswelt der planetarischen Kommunikation, wie sie Marketingleiter und Internet-Freaks begeistert, hat offenbar eine obskure, religionskriegerische Kehrseite auf den Plan gerufen. Nicht alle Leute stürzen sich freudestrahlend in die Arme der so genannten „Globalisierung“. Und nicht überall werden die Götter und die Herkunftskulturen flink über Bord geworfen, um der Prozession ins Land hybrider Buntheit zu folgen, wo ausschließlich hedonistischer Individualismus und Kaufkraft zählen. Die gegenläufige Bewegung ist mindestens ebenso stark. Gewalttätiger ist sie allemal. Nicht nur im Süden und Osten, sondern auch im Westen. Von Pakistan bis in die Niederlande lässt sich der Rückzug der Gesellschaften auf ihre Götter und traditionellen Heiligtümer beobachten. Sie werden eifersüchtig gehütet und gewaltsam verteidigt. In God we trust. Westliche Demokratie gegen islamische Republik, Koran gegen Tora, Mohammed gegen Christus, Laizität gegen Religion. Das sind die neuen, alten Frontlinien der Konflikte, die am Ende der (Post-)Moderne stehen und alle schlauen Prognosen vom „Verschwinden der Religion“, von der „transzendentalen Obdachlosigkeit“ und der Weltentzauberung Lügen strafen. Wie tief und explosiv der Graben zwischen dem christlichen Westen und der islamischen Welt momentan ist, belegen die Zahlen des „Pew Research Center“, das die Wahrnehmungs- und Bewertungsunterschiede im „Karikaturenstreit“ untersucht hat. Demnach geben 60% der Amerikaner, 67% der Franzosen und 62% der Deutschen der „islamischen Intoleranz“ die Schuld an den gewalttätigen Auseinandersetzungen um die Mohammed-Zeichnungen. Umgekehrt machen 90% der Jordanier, 84% der Türken und 86% der Indonesier den „mangelnden Respekt des Westens“ dafür verantwortlich. Von wachsendem interkulturellem Verständnis kann keine Rede sein. Bedrohungsängste und Abwehrgesten überwiegen auf allen Seiten. Der Titel der Studie lautet nicht umsonst „The Great Divide“.

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Fröhliche Religionskritik (interkulturell)

Die augenblickliche intellektuelle Rückkehr zu den Heiligen Texten entspricht diesem politisch religiösen Riß durch die Welt. Sie ist Teil der fiebrigen, kulturellen Selbstvergewisserung, mit denen die Gesellschaften nach der Implosion der sozialistischen Utopie auf die destruktiven Effekte der globalen Weltvernetzung reagieren. Das „Kommunistische Manifest“ hatte sie treffend beschrieben. Geschlechtercodes werden geschleift, Glaubensüberzeugungen relativiert, Mythen und Autoritäten entthront, soziale Solidaritäten aufgekündigt. Allerdings führt die kapitalistische Zerstörungswut nicht in die Neue Welt des fröhlich gottlosen Menschheits-Kollektivs, wie die Linke ebenso blutig wie falsch glaubte. Stattdessen macht sich der Kult dessen breit, was der Psychoanalytiker Jacques-Alain Miller die Herrschaft des „Göttlichen Objekts“ genannt hat. Von jeder glitzernden Werbefläche strahlt es herab und zeigt, was begehrenswert ist und ins Privat-Paradies führt. Autoreifen machen glücklich, Haarshampoos machen glücklich, Kreditkarten machen glücklich, Billigflüge machen glücklich.

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Hobby-Theologie 2 (späte Postmoderne)

Aber dann doch nicht. Die Frustrationen lassen nicht lange auf sich warten. Das Göttliche Ding, das vor dem Kauf noch wunderbare „Erscheinung einer Ferne“ war, „so nah sie auch sein mag“, verwandelt sich im Handumdrehen in Abfall: Müllhalden, Abwässer, Smog. Konsumierbare Götterware mit Verfallsdatum bietet aber keine sonderlich starke Erlösung, erst recht nicht dann, wenn das Geld knapp wird. In seiner Studie über die Mode hat der Soziologe Gilles Lipovetsky die verunsichernden Effekte des Konsumismus sehr schön beschrieben: „Mit der Euphorie, welche die Mode auslöst, gehen Verlassenheitsgefühle, Depressionen und Selbstzweifel einher. Zwar nehmen die Stimulationen in allen Bereichen zu, aber sie führen auch zu größerer Lebensunsicherheit. Dem Mehr an privater Autonomie entspricht ein Mehr an intimen Krisen. Die Größe der Mode besteht im gesteigerten Individualismus, ihr Elend in der fortwährenden Infragestellung der Individualität.“ Kurzum, das Reich des Ephemeren, wie die globale Warenwelt es einrichtet, entpuppt sich zuletzt als ein Reich der rasenden Leere, das die sozialen und kulturellen Zerstörungen nicht aufwiegen kann, die es fortlaufend produziert.

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Sie werden (vielleicht) auferstehen!

Genau darauf scheinen nun die fundamentalistischen Rückzugsgesten herauszugeben, die den augenblicklichen Religionsboom tragen. Je ephemerer und billiger die Glücksversprechen sind, desto größer fallen die Enttäuschungen aus. Und umso lauter ertönt der Ruf nach verbindlichen Werten und richtigen Göttern, wenn es sein muss, auch nach toten griechischen. Verzweifelt gesucht wird nach ‚Dingen’, für die zu leben sich lohnt und die das Leiden an der Existenz nach Möglichkeit auf verlässlichere Weise lindern könnten als ein neues Paar Turnschuhe.

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„Alles ist vergänglich und deshalb leidvoll.“ (Buddha, 560-480 v. Chr.)

So verständlich der „religious turn“ aus dieser Perspektive ist, so beunruhigend ist er. Nicht nur, weil er jeder Art von Scharlatanerie Tür und Tor öffnet, sondern vor allem weil er die Religionen selbst wie konsumierbare Allheilmittel behandelt, als eine Art schnell wirkendes Erlösungsmedikament. Die politischen Risiken und Nebenwirkungen sind freilich immens. Von Kriegen um ein besonders schickes Turnschuhmodell hat man bislang noch nicht gehört, von Kriegen um den richtigen „way of life“ und die richtige religiöse Wahrheit sehr wohl. Nichts lässt sich leichter ausbeuten und instrumentalisieren als das Leiden am Leben. Es wäre fatal, wenn die bisherige Religionsvergessenheit jetzt in eine neue pseudo-spirituelle Versessenheit umschlüge, die vor lauter Göttern die handfesten Machtpraktiken vergäße, deren Sinnlöcher jene stopfen sollen. Religion entbindet weder vom Denken noch von der Politik.

Clemens Pornschlegel

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