Ballermann oder Europa

[…]
Auf den Mercedesstern
Der sich im Nachthimmel dreht melancholisch
Über dem Zahngold von Auschwitz und andere Filialen
Der Deutschen Bank auf dem Europacenter
Europa Der Stier ist geschlachtet das Fleisch
Fault auf der Zunge der Fortschritt läßt keine Kuh aus
Götter werden dich nicht mehr besuchen
Was dir bleibt ist das Ach der Alkmene
Und der Gestank von brennendem Fleisch den täglich
Von deinen Rändern der landlose Wind dir zuträgt
Und manchmal aus den Kellern deines Wohlstands
Flüstert die Asche singt das Knochenmehl

[1994]

 

An der Situation Europas hat sich seither nichts geändert. Nur die Vergesslichkeit ist größer geworden, der Gestank brennenden Fleischs penetranter, die Sitten verrohter. Gegen die Stimmen, die daran erinnern, was (gewesen) ist, dröhnen DIE MEDIEN. Was sein wird, erscheint wüster denn je (die Dauerparty läuft und läuft und läuft). Letzte Prognose: „Überhaupt scheinen Blutsauger und Moskitos die Gewinner des Klimawandels zu sein.“

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[„Wer verändert die Welt? Die, denen sie nicht gefällt!“]

Auf die Frage, ob man sich im Rahmen der bestehenden europäischen Verträge eine demokratische Politik vorstellen könne, antwortete Chantal Mouffe im April 2016 mit den Sätzen:

Nein, natürlich nicht. Das hat man ja an Griechenland gesehen. Trotzdem gehöre ich zu jenen Linken, die die Hoffnung auf eine demokratische Neu-Gründung Europas nicht aufgegeben haben, auch nach der Griechenland-Krise und ihrer ‚Lösung‘ nicht. Bedingung dafür wäre die Schaffung eines europäischen Links-Populismus. Wenn in Frankreich, Spanien, Portugal, Griechenland und Italien links-populistische Regierungen an der Macht wären, könnten sie Deutschland vielleicht die Stirn bieten. Europa ist für mich nicht notwendig neoliberal.

Deutsch ist es, wie gesagt, auch nicht.

Die größten Schwierigkeiten mit dem Gedanken, dass Deutschland nicht (allein) Europa ist, haben allerdings die Deutschen selber: Gibt es bessere Europäer? Sind wir nicht das STEHAUFMÄNNCHEN? Die MITTE (die den Laden zusammenhält)? Die Unerschütterlichen? Die am meisten darauf angewiesen sind? Die stets Kompromissbereiten? Die ewigen Zahlmeister? (Betonung auf den letzten beiden Silben)

bismarck

[Jed Martin: Fotomontage „Europäisches Pferd mit Makler“ (undatiert)]

Ohne Zweifel, wir sind’s – aber merken leider nicht, wie borniert die Selbsteinschätzung ist. Wir sind’s nur für uns, innerhalb der unzeitigen Grenzen, die dem euro-deutschen Universal-Geist gezogen sind.

 

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Und in gotischen Ruinen / Webt ein neu lebendig Reich (Schiller)

Die Geschichte dieser – nach wie vor laufenden – Selbst-VERKENNUNG (deren politische Folgen nicht unerheblich sind) versucht der folgende Text nachzuzeichnen. Erschienen ist er in dem von Tobias Döring, Barbara Vinken und Günter Zöller herausgegebenen Band: Übertragene Anfänge, München (Fink) 2009 (S. 147-161).

Europa-Reich

Er erlaubt unter anderem auch einen fremden Blick auf die Wirklichkeit, die sich manchmal – wie im folgenden Photo – recht ungeniert zeigt. Cherchez l’intrus ! 

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