Jacques Rancière : Nuit Debout oder Von der Möglichkeit sozialer Kämpfe

Auf die Frage, ob sie von den gegenwärtigen Demonstrationen und Streikaktionen der französischen Studenten, Gymnasiasten und Gewerkschaften gehört hätten, antworteten alle zufällig befragten  deutschen Studentinnen und Studenten mit einem klaren und deutlichen: Nein, hätten sie nicht. Wozu auch? Was gehen uns die Probleme von drüben an? Das Gespräch, das die französische Netz-Zeitung MEDIAPART mit Jacques Rancière geführt hat, gibt bessere Antworten auf die letzten beiden Fragen als die im Gewand der Gegenfrage intendierten.

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PS:

Die selbstgenügsame Ignoranz, die die gegenwärtige Studentengeneration unbewusst wiederholen muss, hat natürlich eine lange Vorgeschichte. Deren vorletzte Gestalt wurde auf einer bayerischen Deutsch- und Geschichtslehrertagung 2001, also vor 15 Jahren, wie folgt beschrieben:

„Die Sätze, die Florian Illies im Jahr 2001 über das Verhältnis der ‚Generation Golf‘ zu Frankreich öffentlich gemacht hat, brachten die narzißtische Indifferenz gegenüber Frankreich in ihrer ganzen historischen, politischen, institutionellen Unbedarftheit symptomatisch zum Ausdruck. Man war cool, ironisch und hatte in der neuen Berliner Republik natürlich das Glück erfunden.

Im Französischlehrbuch gab es Strichzeichnungen und immer ein Mädchen, das Monique hieß und das in der Küche Salade niçoise machte, damit wir ein Wort lernten mit einem Häkchen unterm c. Viel anfangen konnte man nicht damit, wie man an der nervtötenden Sprachlosigkeit sah, die zwischen unseren Nachbarklassen und ihren französischen Austauschschülern herrschte. Die Idee, Schüler zwischen Deutschland und Frankreich auszutauschen, ist eine unselige Verbindung aus Günter-Grass-Sozialdemokratie und United-Colors-of-Benetton-Völkerfreundschaft. In Wirklichkeit funktionierte es nie, alle waren froh, wenn die Zeit endlich vorbei war und sie wieder ihre Ruhe hatten, und schön waren die französischen Austauschschülerinnen auch nur in den Träumen deutscher Filmemacher. Ich war sehr glücklich, als meine Mutter im Elternvorstand irgendwie die anderen Eltern davon überzeugt hatte, daß unsere Klasse sich aus dem Austauschschülerwahnsinn ausklinken sollte. Und wenn ich sonntags versonnen auf der Wiese lag und in den Himmel guckte, dachte ich mitleidig an die anderen aus der Parallelklasse, die nun zum achten Mal mit ihrem Austauschschüler in die Tierfreiheit fahren mußten oder nach Rothenburg ob der Tauber. [ Florian Illies: Generation Golf, Frankfurt a.M. 2001, S. 34.]

Was Illies, Jahrgang 1971, mit solchen Bestseller-Sätzen 2001 zum Besten gab, war die alte, kulturnationale Borniertheit (resp. deutsche Herrenreiterei) im pubertären Pop-Gewand. Man fremdelt, findet die Sache mit dem Schüleraustausch doof und läßt Mutti machen. Zum deutsch-französischen Verhältnis fällt einem Rothenburg-ob-der-Tauber ein und daß nicht alle Französinnen so aussehen wie Sophie Marceau oder Marion Cotillard, das heißt, ein  folkloristischer und – als hätte man Thomas Manns Betrachtungen auswendig gelernt – vollkommen politikfreier Begriff von Nation. Die ‚Generation Golf‘ hat ihn direkt von ihrer Elterngeneration übernommen, die sie für politisch hielt und gegen die sie in ihrem Playmobilglück zu protestieren meinte. Sie wird ihn auch an die nächste Generation weitergeben müssen.“

[in: Stefan Krimm, Ursula Triller (Hg.): Europäische Begegnungen – Im Westen Neues! Acta Hohenschwangau 2001, München 2002, S. 156-157.]

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[„In Wirklichkeit funktionierte es nie!“]

 

 

 

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