Pierre Legendre: Der Mensch als Mörder

Der nachstehende Text ist das Vorwort Pierre Legendres zur Taschenbuchausgabe seiner Studie „Le crime du caporal Lortie“ [1. Aufl. 1989], die im Jahr 2000 im Verlag Flammarion erschienen ist (S. 9-12). Die deutsche Ausgabe des Buches ist 2011 [1. Aufl. 1998] im Verlag Turia und Kant erschienen: „Das Verbrechen des Gefreiten. Versuch über den Vater“.

 

PIERRE LEGENDRE

Der Mensch als Mörder

Zerbrechlich ist die Subjektivität von Menschenwesen, zerbrechlich ihre Konstruktion. Denn die Vernunft ist keine Rente, die allen von allein zufällt. Sie ist eine Eroberung. Das gilt für die Individuen, aber auch für die Gesellschaft im Ganzen. Im Fall Lortie geht es um einen privaten Mord, um dessen subjektive Bedingungen und um dessen kulturelle Bedeutung.

Als ich das Buch über den Fall Lortie schrieb, musste ich mehr als einmal an einen Satz Dostojewskis denken, der wie niemand sonst um das Rätsel des Mordes wusste: „Einen Fluss kann man auf Balken überqueren, nicht auf Spänen.“ Denis Lortie hat drei Menschen getötet, weil sie für ihn lebende Bilder seines Vaters darstellten. Er hat den Fluss nicht unbeschadet überquert. In unserer Gegenwart ist er ein lebender Zeuge dafür, dass man untergehen und sich verlieren kann.

Die Studie, die ich dem Fall Lortie gewidmet habe, nimmt das institutionelle Floß in den Blick, das es den Menschenwesen ermöglicht – und das gilt für alle menschlichen Kulturen –, durch ihr Leben zu kommen, ohne im Abgrund des psychotischen Wahns zu versinken. Der Glaube, man könnte auf Gebote und Verbote, auf Riten und Zeremonien, auf Institutionen und Verwandtschaftssysteme verzichten, ist eine Verkennung sämtlicher Tatsachen des menschlichen Lebens. Verkannt wird vor allem das sich einander wechselseitig bedingende Verhältnis zwischen den Regeln der subjektiven Konstruktion und den normativen Einrichtungen der Untersagung oder des Verbots, die in allen Gesellschaften vom symbolischen Gebäude der Filiation getragen werden. Politisch läuft die Verkennung darauf hinaus, familialen und sozialen Tyranneien Tür und Tor zu öffnen, unter dem propagandistischen Etikett des sich selbst gründenden, nach eigenem Gusto modellierenden Individuums, für das kein Tabu mehr gilt, das keiner normativen Beschränkung und Grenze unterliegt. Das Recht dazu leitet man besten Gewissens aus den (angeblichen) Prinzipien der Demokratie und dem triumphierenden biologischen Naturalismus ab, der den menschlichen Körper nicht als die fragile Vorstellung eines Subjekts begreift, sondern als ein manipulierbares Agglomerat aus Zellen, Organen, Fleisch und Knochen. Die Propaganda für die tabulose Freiheit, auch wenn niemand wirklich daran glaubt, dient zum einen dazu, die Leute mit süßen, klebrigen Versprechen zu ködern, zum anderen verwaltet man damit die schiere Ohnmacht angesichts der programmierten Destruktivität, für die am Ende natürlich niemand verantwortlich sein will.

Zweifellos gibt es im Fall Lortie, der in Kanada zu einer großen öffentlichen Affäre geworden ist, auch einen spezifischen sozial-historischen Hintergrund: nämlich die latente Inzestualität in den Familienbeziehungen, deren Perversität in Québec lange Zeit von einem moral-terroristischen Katholizismus wirksam versteckt und gleichzeitig schamlos ausgebeutet worden ist. Das erklärt nicht zuletzt auch die Radikalität der libertären Befreiung, mit der in den 1960er Jahren in Québec der Deckel der sozialen Heuchelei gesprengt wurde.

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[„Stille Revolution“]

Dennoch liegt das Entscheidende nicht in den sozialgeschichtlichen Umständen. Das Entscheidende liegt im genealogischen Status des Mordes, der von der Logik der Vorstellungen beziehungsweise von den Imagines her zu begreifen ist. Im Drama von Denis Lortie – das heißt, eines Sohnes, der das Bild des Vaters tatsächlich zu töten suchte – darf man das unbewusste Spiel der familialen Bilder nicht aus den Augen verlieren. Der despotischen Figur eines handgreiflich gewordenen, also nicht mehr mythischen Hordenvaters entspricht symmetrisch das Bild der imperialen Großen Mutter, die unbewusst das Begehren eines Sohnes konfisziert, dem der Platz eines Delegierten oder Erfüllungsgehilfen zugewiesen ist. Lorties Tat, wenn man sie als Vatermord interpretiert, zeigt wie durch Vergrößerungsglas die beiden Seiten der Struktur der Untersagung, nämlich Inzest und Mord, welche die Ordnung der Welt zum Einsturz bringen, wenn sie subjektiv weder verdrängt noch durch kulturelle Bilder gebändigt sind.

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[Ein süßes Bild]

Das Subjekt, das keinerlei Beschränkung kennt, das keine Grenze zwischen dir und mir zu ziehen weiß, ist ein scheiterndes Subjekt, gewissermaßen ein ‚failed subject’, und seine Niederlage, wie auch immer die sozial sichtbaren Formen dieser Niederlage aussehen mögen, berührt stets die Nachkommen – es sei denn von irgendwo, und zwar von irgendwo anders her als aus der Hölle der undifferenzierten Handlungen, taucht eine Rede auf, die tatsächlich zu trennen und dem Subjekt einen Blick auf sich selbst zu öffnen weiß. Der Lortie-Prozess hat die instituierende Funktion des öffentlichen Schauplatzes deutlich gemacht, der in diesem Fall vom Staat und seiner Rechtsprechung, aber auch durch die Medien in Szene gesetzt worden ist. Allerdings stellt sich auch die Frage, welche Lehre die kanadische Gesellschaft langfristig aus dem Fall gezogen hat. Was verstehen die institutionellen Netzwerke (zu denen auch die Psychiater, Psychoanalytiker, Sozialarbeiter, Psychotherapeuten gehören) von den sozialen Konstruktionen des Verbots und von der genealogischen Logik, auf denen die Vernunft beruht?

Das Nicht-Verständnis des Verbots und der genealogischen Struktur ist nach wie vor ein wunder Punkt. Im Spektakel der vorschnell geäußerten Meinungen und unbedachten Kommentare – Spektakel, das vor allem dazu da ist, die genuin normative Dimension jedes auf dem öffentlichen Schauplatz gesagten Wortes vergessen zu lassen – hat man nicht begriffen, dass die schamlose mediale Ausschlachtung eines Mordes den Effekt haben kann, aus dem Mörder – Lortie in diesem Fall – eine normative Ersatz-Referenz zu machen, also ein ebenso faszinierendes wie ambivalentes Identifikationsobjekt, das gleichzeitig gehasst und geliebt wird. Die neue, libertäre Gegenaufklärung, die den Mörder in aller Unschuld heroisiert (während sie selbst sich als aufklärerisches, emanzipatorisches Unternehmen feiert) fabriziert Idealbilder des Mörders; sie produziert, wenn man so will, kleine Privat-Hitler, die der ganzen Welt als billiges Identifikationsangebot verkauft werden. Davon zeugt jenes andere Drama, das 1989 vierzehn jungen Frauen in Montréal das Leben gekostet hat, die von einem anderen gescheiterten Sohn, einem Bewunderer Lorties, ermordet worden sind.[1]

Meine Studie zum Fall Lortie versucht eine exemplarische, das heißt für uns alle bedeutsame Geschichte analytisch auszuleuchten. Es geht darum, das Phänomen der Desinstitution von innen her zu begreifen, also jenes entleerte und hohle, gewissermaßen ausgesaugte Subjekt, das dem zur Beute gefallen ist, was wir ebenso kalt wie oberflächlich Orientierungslosigkeit oder Verwahrlosung nennen.

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[fast & furios, bis der Arzt kommt]

Ich habe mich darum bemüht, deutlich zu machen, wie weit uns die ultramoderne Ideologie (des von jedem Tabu befreiten, sich selbst gründenden Individuums) – die das Erbe unhaltbarer philosophischer, religiöser und politischer Diskurse, aber auch das unmittelbare Erbe des Hitlerismus und seiner naturalistischen Fleischerkonzeption der Filiation ist – von einem Verständnis der tatsächlichen Fragen und Probleme entfernt. Die Fragmentierung des Wissens über den Menschen, das heißt, die fachwissenschaftliche Spezialisierung auf lauter voneinander isolierte Einzelbereiche, führt dazu, dass die Frage des Subjekts radikal ausgegrenzt wird. Man hat sie in die Verbannung geschickt. Der Szientismus, wie er von der amerikanisch dominierten Psychiatrie mittlerweile an die ganze Welt verkauft wird, namentlich mittels der Standardklassifizierungen des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM), zerstört jede Frage nach dem Sinn. Und die Psychoanalyse, die sich nur noch um ein kleines, insular gedachtes Subjekt kümmert und die Frage der Institutionen missachtet, lässt das Feld der Frage nach dem Totem brach liegen. Anders gesagt, sie stellt die Frage nach dem Vater in ihrer normativen und institutionellen Tragweite erst gar nicht mehr.

Schritt für Schritt werden wir, ob wir wollen oder nicht, eine Kritik der desinstituierten Vernunft erfinden müssen.

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[Jed Martin: „En attendant Kant“, Plakatentwurf 2002]

[1] Vgl. Hélène Y. Meynaud: „Blanche-Neige et l’épine. Femmes, technologies et folies“, in: Chimères 38 (2000), S. 135-149. In dem Artikel über den Amokläufer Marc Lépine, der nach der Tat Selbstmord beging, findet sich auch das briefliche Testament des Täters, der sich auf Lortie berief.

Aus dem Französischen von Clemens Pornschlegel

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