Faschismus für Anfänger

„…ein Apokalypse-Spektakel epischen Ausmaßes und das ultimative Must-see für Zombie-Schaulustige!“

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Der Kapitalismus hält sich prächtig. Nicht trotz der Krisen, die er überall produziert, sondern mit und in ihnen. Kapital und Krise sind Komplizen, sozusagen von alters her. Je gigantischer die Verschuldungen, Verluste, Spekulationen, Wetten, desto halsbrecherischer werden die Versuche, den Kreislauf der laufenden Kredite zu unterbrechen. Desto waghalsiger gerät das Unterfangen, das Netz der Abhängigkeiten zu zerreißen. Desto unerbittlicher wird der Zugriff des Kapitals auf die Zukunft. Desto sorgengequälter sehen die Leute aus, die mit Bildern des Zusammenbruchs leben: zertrümmerte Geldautomaten, geplünderte Supermärkte, Fabrik- und Wohnruinen, Unternehmensinsolvenzen, marodierende Banden, Polizeikolonnen, Kartoffelstauden an den Bahndämmen…

Die Bilder kommen nicht aus der Zukunft. Es sind die Negative der schnell hingemachten und ebenso schnell wieder verschwundenen Kaufparadiese, Reihenhaussiedlungen, Investment-Projekte. Sie werden ihre Zeit gehabt haben. Man weiß es mitten im „tück’schen Frieden“ (Eichendorff). Die Ministerien, die Vorstände, der Internationale Währungsfonds, die Europäische Zentralbank, die Weltbank, die OSZE, die Steuerberater, sie alle drücken sich völlig unmissverständlich aus: Entweder ihr akzeptiert die Spielregeln und die CHANCEN, inklusive Rentenkürzungen, Lohnsenkungen, Altersarmut, Rübensuppe. Oder ihr stürzt ins Große Chaos. („Aber das wollt ihr nicht?! Seid vernünftig! Genießt die Schönheiten der Welt, solange es sie noch gibt!“) Die Drohung gehört zur laufenden Partie, und der Joker der Ausnahme, der alles jederzeit umstürzen kann, zu den Karten (im Ärmel). Er lässt sich jederzeit ausspielen. Souverän ist, wer die Krise lostreten kann.

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[Joker in Aktion]

Ein apokalyptischer Blick würde die Identität von System und Krise, von Profit und Bankrott sehen: dass das eine zum anderen gehört wie der Reichtum zur Armut und der permanent angekündigte Terror zur Angst. Er sähe die Masken der jovialen Arglosigkeit fallen. Und plötzlich tauchen die stirnrunzelnden Krisenstäbe, Minister- und Expertenrunden, Aufsichtsräte und Kreditgeber mit übergezogenen Nylonstrümpfen auf. Willkommen in der Realität! Man entdeckt das Große Chaos nicht nur draußen in den Wüsten der Dritten und Vierten Welt. Es räkelt sich schon in den Schaufenstern der Luxusboutiquen, in den Versandabteilungen, monatlichen Kontoauszügen; es glotzt aus Versicherungspolicen, Kreditverträgen, allgemeinen Geschäftsbedingungen. Und den braven Untertanen stünde eine seltsame Begegnung bevor. Sie könnten sich als Agenten einer Ordnung entdecken, die Waren im Überfluss, Destruktion, Misere und friedliche Polizeigewalt über die Welt verhängt hat. In den Badezimmer-Spiegeln erschienen Horrorgestalten: Girokontobesitzer, Kleinanleger, Bausparer, Lebensversicherer, Rentenempfänger. Eine Heerschar von giftigen TODESENGELN: jeder sich selbst der Nächste, vollgepumpt mit Drogen, Besitzansprüchen, Rachsucht, Ressentiment, Neid; Zombies, die in gepanzerten Pick-Ups übers Land rasen und kühne Beute machen, Schnäppchen-Jagd, AARRRGHH…

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[„Jetzt Clubmitglied werden und Vorteile sichern“]

Horror und Chaos werden von den Medien-Pharmakologen selbstverständlich fein dosiert verabreicht. Nicht alles auf einmal. Am liebsten als Zerstreuung und Hollywood-Fiction verpackt. Die Wirklichkeit ist territorial sauber auf- und eingeteilt: der Zusammenbruch für die a-nomischen Bürgerkriegs-Wüsten draußen (Ghettos, Kriegsgebiete, rechtsfreie Räume, staatenlose Zonen, IS, Afghanistan, Libyen, Auffanglager…), die zivile Ordnung für die Welt der Anständigen.

Aber der Joker ist immer im Spiel. Plötzlich brechen WILDE & BARBAREN in die PLAYMOBILWELT ein. IRRE. Man hört Explosionen und Schreie, Sirenen, die Rufe herumirrender, blutüberströmter Passanten. Es formieren sich hysterische Bürgermilizen, die die INVASION panisch abzuwehren suchen. ZU HÜLF! ZU HÜLF! Einige beginnen am liberalen Krisenmanagement und am topologischen Splitting zu zweifeln. ES KOMMT NÄHER. Sie glauben den Experten kein Wort mehr, nicht den Sparkassendirektoren und den Polizeipräsidenten, nicht den Politikern und den Zentralbankern. Sie wollen die Sache, die gewaltig aus dem Ruder zu laufen droht, selbst in die Hand nehmen. Denn im Anfang war die TAT. „WIR sind das Volk“, schreien sie, „wir müssen das Monster bekämpfen, wir brauchen eine saubere Trennung zwischen Innen und Außen, Grenzen, Dämme, Schutzwände, Mauern, Zäune.“ Die Leute wollen kein Unheil. Sie wollen Heil, Heil. Und noch mal Heil. Und Zäune. UNSERE TÄGLICHE RETERRITORIALISIERUNG GIB UNS HEUTE.

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[„Wann kommt ES?]

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Die Parteigänger des Front National, der PEGIDA, der FPÖ (etc. pp.) sind allesamt furchtbar ordentliche, total vernünftige Leute: aufrecht, unauffällig, voller Sorge, voller Unruhe und voller Hass. „Das Chaos rückt heran, seht ihr es nicht?“ Also rotten sie sich zusammen, eine Herde wütender Schafe, trippeln durch die Straßen, schwenken Kriegsfähnlein, schreien gehässige Slogans, fletschen die Zähne, suchen nach dem echten FÜHRER. Alles Böse kommt von draußen. Die Forderungen sind überall dieselben: „Wir wollen unsere übersichtliche Ordnung zurück, wo ein Mann noch ein Mann und ein Eigentum noch ein Eigentum war. Wir brauchen Schutzmänner, saubere Ordnung, gutes Geld für saubere Arbeit, klare Verhältnisse, Werte, Bindung, Orientierung.“ (Haben wir unsere Nasen nicht immer schön an den Schaufenstern platt gedrückt? Haben wir nicht ordentlich gespart, gekauft, vernünftig angelegt? Haben wir uns das nicht alles mühsam aufgebaut?)

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[Jed Martin: „Die Schönheit der Übermenschen“, 200 cm x 111 cm, Acryl, 2015]

Man muss (auch wenn es nichts nützt) kurz an ein paar Zahlen erinnern: 10% der Weltbevölkerung verfügen über 86% des in der Welt vorhandenen Kapitals, 1% davon verfügt über satte 46% davon. 50% der Weltbevölkerung besitzen nichts. Nichts und wieder nichts: 0%. Es versteht sich von selbst, dass die 10%, die fast alles besitzen, am liebsten gar nichts zu tun haben wollen mit denen, die sich den Rest teilen müssen beziehungsweise gar nichts haben. Und umgekehrt hängen diejenigen, die sich die restlichen 14% des Welt-Kapitals teilen müssen, habgierig an den kleinen Brocken, die sie sich mühsam ergattert haben. In verständlicher, gleichwohl hässlicher Regelmäßigkeit schlagen sie sich auf die Seite der haltenden Mächte, Rassismus und Nationalismus inklusive, welche die 50% der gefährlichen Habenichtse in Schach zu halten suchen. Wieso sollten arme deutsche Rentner etwas mit abgehalfterten Syrern teilen? Oder mit Rumänen? Oder Bulgaren? Oder Kosovaren? Oder Zigeunern? Oder Kanaken?

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[Sozialromantiker, ziemlich zurück]

Manche – Gebildete, Verantwortungsbewusste, dem Gemeinwohl Verpflichtete, gute Demokraten usw. – versuchen sich herauszureden. Die gehässige Sache ist ihnen ein bisschen peinlich. Es gehört sich nicht. Sie sagen, die Leute hätten zu wenig Friedrich Hayek gelesen (wahlweise: Marcel Gauchet, Richard Rorty) und die Prinzipien der ‚open society’ nicht verstanden, nicht den liberalen, demokratischen Individualismus, nicht die FREIHEIT (die allen gleichermaßen erlaubt, ihr Glück zu machen und/oder gelegentlich Konkurs anzumelden), nicht das LEISTUNGSPRINZIP („hab ich nicht ehrlich erworben, was ich ererbt?!“)

Der Haken an der Sache ist: Es stimmt leider nicht. Die wilden, ängstlichen Schafe haben die liberale Lektion des Wettbewerbs und der eisernen Konkurrenz voll und ganz verstanden! WUNDERBAR! Sie haben die Gewalt des Liberalismus, die Bosheiten und Grausamkeiten der ‚open society’ und ihre Unerträglichkeit sehr genau begriffen. Sie haben sie sogar so gut begriffen, dass sie deren Ingredienzen: Dauer-Wettbewerb, Gewalt, Neid, Egoismus, Konkurrenz, mit Zähnen, Klauen, Panzern, U-Booten, Xenophobie und rabiater Lynchjustiz gegen den 50%-Rest der Welt ENTSCHLOSSEN verteidigen. Seit wann darf sich die freie Gesellschaft nicht gegen ihre Feinde zu verteidigen?

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[„Was die Mode streng geteilt“]

 

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Auch wenn die demokratischen Individual-Liberalen es nicht gern hören: Die hasserfüllten Zuckungen AUFRECHTER PATRIOTEN, die Europa durchqueren, von Polen bis Frankreich, von Dänemark bis Süditalien, von Griechenland bis Lettland, sind (und geben sich) nirgendwo antikapitalistisch und/oder antiliberal, weder bei der AfD noch beim FN noch in der FPÖ. Es sind nur panisch protektionistische Antworten auf die Deterritorialisierungen und Decodierungen, die das weltweit zirkulierende Kapital permanent auslöst. ES SCHLÄFT WIE GLUT / EIN FASCHIST IM LIBERALEN / DER WARTET AUF SEINE WUT / ZU BEENDEN DIE QUALEN / ZU LÖSEN DEN ZWIST (Riccardo Krieg)

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[Wieso Krise? Alles meins!]

Die Decodierungen haben zum Beispiel Nordfrankreich (wo der Front National seine größten Gewinne verbucht) in eine Industriebrache und eine gigantische Arbeitslosensiedlung verwandelt. Die Stahl- und Kohleproduktion ist zusammengebrochen, die Anlagen verrotten. Die noch brauchbaren Reste wurden nach Indien oder Indonesien verscherbelt. Das große Bauernsterben, vom Allgäu bis in den Regenwald, von der Auvergne bis nach Japan, hat evolutionsgeschichtliche Dimensionen. Es beendet eine Menschheitsepoche, die mit der neolithischen Revolution begann. Und generell gilt: Niemand ist nirgendwo gefeit gegen Arbeitslosigkeit, sozialen Absturz, Ruin, kurzum: die FREIHEIT (die bekanntlich nicht einfach ist, kein Zuckerschlecken).  Die Lebensbedingungen sind mobil, leistungsbezogen, flexibel, dynamisch, und alle haben ihre Lektion brav gelernt: dass jeder jederzeit mit Umstrukturierungen (des Standorts, der Arbeitszeiten, der Entlohnung, der Zuständigkeiten, der Abteilung usw.), mit Delokalisierungen und natürlich auch mit Kündigung (nach Lage der Auftragsbücher resp. der Aktionäre) zu rechnen hat. Wer am schnellsten antizipiert, gewinnt. Sämtliche Länder und Landstriche sind unaufhörlichen Migrationsströmen ausgesetzt, die das Gewohnte über Nacht in eine ungesehene Fremde verwandeln. PANTA RHEI. Die Flüchtlingsströme aus dem Nahen und Mittleren Osten, aus Asien und aus Afrika fließen stetig und schnell, die zusammenbrechenden Arbeitsmärkte bestimmen die großen Wanderbewegungen der Arbeitskräfte, der qualifizierten und der unqualifizierten, und über allem liegt der Terror des weltweit agierenden Dschihad, dessen Ursachen sich in der Geschichte des Kolonialismus verlieren, des osmanischen und persischen Reichs, der Petro-Monarchien, der Grenzziehungen nach den beiden Weltkriegen, der Stellvertreterkriege in den 1960er, 1970er und 1980er Jahren, der arabischen Nationalismen, der Golfkriege und – nicht zuletzt – in der Geschichte der sozialen Des-Integration der muslimischen Einwanderer in den alten kolonialen Metropolen. Die Rechnungen (der DE-REFERENZ) haben sich summiert, Jahr für Jahr, Generation für Generation. Nur lesen will sie keiner mehr. Und bezahlen erst recht nicht. (Fethi Benslama hat jüngst mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass zwei Drittel der Dschihadisten der Altersgruppe der 15- bis 25-Jährigen angehören, ein Viertel sind Minderjährige.)

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[Wo die unsichtbare Hand wohnt]

Wenn die neo-faschistischen Bewegungen der Gegenwart von etwas künden, dann davon, dass die braven Bevölkerungen in weiten Teilen (wieder einmal) panisch geworden sind. Das dominierende Gefühl ist das der aggressiven Ohnmacht, und zwar gegenüber ebenso blind wie brutal agierenden Mächten: gegenüber den Märkten, Börsen, technologischen Innovationen, unverständlichen politischen Konflikten, unüberschaubaren Migrations- und Kapitalflüssen…

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[Auf der Suche nach Klarheit und Feind!]

Das Vertrauen in die politischen und ökonomischen Autoritäten, die Versprechungen machen, ohne sie je zu halten oder halten zu können, ist ruiniert. Das sagen Meinungsumfragen, aber auch Houellebecq-Romane und PEGIDA-Sprechchöre. Die Reden der öffentlichen Autoritäten (Politiker, Massenmedien, Experten, Therapeuten, Lehrer, Priester…) sind für die verängstigten Schafe: Lügen, Lügen, nichts als Lügen. Und dabei muss ihnen die ständige Zusammenbruchsdrohung und Dauer-Prekarisierung umso obszöner erscheinen, als die Unterhaltungs- und Medienindustrie, die scheppernden Radiomoderatoren und TV-Sternchen ihre Alles-ist-gut-Botschaften rund um die Uhr verkünden. Und während die Lage immer unsicherer, feindlicher und unüberschaubarer wird, wuchern der sichtbare Reichtum, von dem man nichts hat, der Neid, das RESSENTIMENT… ohne Ende. — À suivre.

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[Elegie]

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