Es ist unter uns

Kurze Nachbemerkung zu den Überlegungen von Mathieu Burnel und Julien Coupat

Angesichts der Hunderttausende von Gewerkschaftern, Bahnarbeitern, Lehrlingen, Lehrern, Studenten, Schülern, die in Frankreich in den letzten Monaten auf die Straße gegangen sind (gegen die Gesetzesvorlage „El Khomri“), um der Regierung zu zeigen, der politischen wie der ökonomischen, dass sie sich nicht länger als Prekariatsvieh halten lassen wollen, haben Julien Coupat und Mathieu Burnel optimistische Sätze gefunden:

Die Menschheit und die Erde befinden sich in einem erbärmlichen Zustand. Die Zeitgenossen  leben mit gigantischen narzisstischen Löchern (und schweißtreibenden Anstrengungen, letztere zu stopfen). Selbst die konziliantesten Geister sind mittlerweile zu dem Schluss gekommen, dass wir nicht mehr so weiter machen können wie bisher. Wir sind am Ende der Zivilisation angekommen. Eine Umwälzung ist notwendig. Und diese Umwälzung wird nicht nur eine soziale Umwälzung, sie wird in allererster Linie eine existenzielle Umwälzung sein.

Unter dem dünnen Lack der sozialen Beziehungen tun sich Abgründe voller Angst und Schrecken auf. Man spürt sie überall. Paradoxerweise finden wir die Welt genau dann wieder – eine gemeinsame, mit anderen teilbare Welt –, wenn wir uns selbst verlieren und uns selbst aufgeben. Wir finden sie nicht in einer immer besseren und erfolgreicheren Sozialisierung.

Das Oberflächliche und Hohle, das jedem politischen Diskurs eignet, macht letzteren in den Ohren unserer Zeitgenossen vollkommen lächerlich. Die offizielle Politik ist so korrupt wie grotesk. Die totale Blockade der gegenwärtigen Ordnung wird genau dann statthaben, wenn niemand mehr ans Gespenst des Mangels glaubt, mit dem die Regierenden permanent herumwedeln, wenn die wirtschaftliche Angst vor der großen Knappheit nicht mehr greift, wenn niemand mehr an die Gräuelmärchen der Regierenden glaubt, wenn wir uns mit den anderen tatsächlich verbunden fühlen. Millionen von Menschen lassen sich nicht gegenseitig verhungern, und erst recht nicht dann, wenn sie gemeinsam gekämpft haben.

[vgl. textundsubjekt: „Ce bouleversement ne sera pas seulement social“]

Es ist charakteristisch für den politischen Zustand der Gegenwart, dass die zitierten Sätze vom französischen Staatsapparat dem TERROR zugeschlagen und diejenigen, die sie formuliert haben, von Staatsanwälten, Polizisten und vom Geheimdienst verfolgt werden. (Wer „freie Assoziation“ sagt, ist verdächtig.) In der Nacht der Terrorproduktion und des permanenten Ausnahmezustands werden alle, die sich nicht einfach weiter regieren, herumkommandieren und auf eine Konsumenten-Angestellten-Existenz reduzieren lassen wollen, zu denselben blutrünstigen schwarzen Schafen: Anarchisten, Linksautonome, Islamisten, Kopfabschneider, Bombenleger, Gewerkschafter, Massenmörder, Faschisten, aufmüpfige Gymnasiasten, Drogenhändler, Philosophen usw. usf. Egal.  Der Sack ist groß und dunkel – so groß und dunkel wie die Willkür-Gewalt der Polizei, die auf ihn einknüppelt. Den Regierenden ist offenbar der Sinn dafür verloren gegangen, dass sie durch ihre Praxis der radikalen, schamlosen Instrumentalisierung des (überall heraufbeschworenen) Verbrechens zielstrebig den legitimatorischen Ast absägen, auf dem ihre Macht – noch – beruht. Der Tag, an dem sie verschwunden und durch Gewaltverhältnisse ersetzt sein wird, ist bereits angebrochen.

Anders als Julien Coupat und Mathieu Burnel in ihrer partizipativen Deutung der Ereignisse glauben, besteht allerdings wenig Grund zu Optimismus oder zu irgendeinem größeren Vertrauen in die Zukunft (einer gemeinsamen Welt, eines erneuerten Verhältnisses zur Erde, einer menschlicheren Gesellschaft). Der Grund für das Misstrauen sind weder die aufmüpfigen Ereignisse noch die großzügigen Ideen, von denen die derzeitigen „sozialen Bewegungen“ getragen werden. Das eine ist so schön, gut und vernünftig wie das andere. Der Grund dafür sind vielmehr die (ziemlich vielen) ANDEREN,  die Lakaien des Systems, die weder schön noch gut noch vernünftig sind. Sie sind (und die Liste ist nicht exhaustiv): egoistisch, neidisch, paranoid, besitzgierig, konsumgeil, destruktiv, asozial, gewalttätig, autoritär, faschistoid, brutal, fremdenfeindlich, rachsüchtig – also genau das, was die herrschenden Verhältnisse in einem fort sekretieren: FPÖ, AfD, Lega Nord, Vlaams Belang, Front National, Jobbik. Wenn die Regierenden sich auf etwas verlassen können, dann genau darauf: auf das, was sich jeder Art von Großzügigkeit und Freiheit und Liebe in den Weg stellen wird; auf die Lust am Bösen – die bekanntlich am liebsten STRAFFREI, unter dem Deckmantel irgendeines HÖHEREN ausgelebt wird, gern auch in UNIFORM.

Es genügt, einen Blick auf die hasserfüllten Kommentare zu werfen, die Coupats und Burnels Sätze in den etablierten französischen MEDIEN erfahren, sowohl auf Seiten der Propagandisten-Journalisten (Le Point etwa), die aus der Misere ihre zynischen AUFMACHER und Skandalartikel herausdestillieren, als auch auf Seiten der massenhaft auftretenden TROLLE, deren einsame, morbide Lust sich im hemmungslosen Hass auslebt: Invektiven, Lügen, Unterstellungen, Zoten, wüste Gewaltphantasien. Freud hatte Recht, als er den Glauben an die Unschuld in Frage stellte: „Die Kindlein, sie hören es nicht gerne, wenn die angeborene Neigung des Menschen zum ‚Bösen’, zur Aggression, Destruktion und damit auch zur Grausamkeit erwähnt wird.“ (Das Unbehagen in der Kultur)

Deswegen aber – angesichts der VIELEN und ihrer Lust am Bösen – ist es NICHT überflüssig, sich Gedanken über die NORMATIVITÄT und die INSTITUTIONEN der kommenden Gesellschaft zu machen (über mögliche Verfehlungen, Sanktionen, Gerechtigkeitsvorstellungen, Rechtsprechungen). Und wenn es noch immer – faute de mieux – um den STAAT ginge? Um etwas, das dem Hang zum DUELL Einhalt gebietet? Wenn das Gefühl schöner Verbundenheit nicht ausreichte? Wenn die Ideen des „guten Menschen“ und der freien Kommune politisch unzulänglich wären? (Und wenn wir nicht einfach „am Ende der Zivilisation“, sondern bloß am Ende der gemeinen neoliberalen Illusionen mitsamt ihrem Angriff auf den Sozialstaat angekommen wären?)

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[Maximilien Luce : Une rue à Paris en Mai 1871]

C.P.

 

 

 

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