Erinnerungen an die Apokalypse

In Memoriam

Maurice G. Dantec  

1959 – 2016

 

Je me bats simplement contre un mouvement méta-politique qui veut conquérir le monde, et qui pour cela veut détruire ma civilisation. […] Mais moi je suis un catholique futuriste, je ne suis ni un prosélyte ni un évangéliste. Je constate simplement que ce monde agnostique a toujours besoin de transcendance, et moi je ne vois que la foi chrétienne pour nous empêcher de sombrer dans l’abîme.

Maurice G. Dantec

 

 

Es ist Endzeit. Zeit der Drachen und der Engel. Und sie treibt böse, giftige Blumen.

Dieses Buch ist das Kind des Chaos. Das Chaos der Welt, die sich jeden Tag neu (de-)konfiguriert unter dem grauen Himmel der Nihilismen, vor allem aber das Chaos, das erzeugt wird von der Angst, vom Selbsthass, von der Schuld und von den diversen ideologischen Müllhaufen, die aus Frankreich ein Land gemacht haben, das definitiv aus der Geschichte gefallen ist. Die französische Republik: eine Bananenrepublik ohne Bananen, eine Ölrepublik ohne Öl. Die res publica ohne res – das ist der Augenblick, in dem, ohne König, die Völker sich selbst auslöschen. Die Jakobiner-Republik: Guillotiniert euch selber, immer schön der Reihe nach!

Die wütenden Sätze stammen aus dem letzten Teil der 2006 erschienen Tagebuch-Trilogie des französischen Autors Maurice G. Dantec. Der Titel des Riesen-Pamphlets lautet American Black Box. Le Théâtre des Opérations 2002 – 2006. Das Kriegstheater der Gegenwart also. Und der gigantische Welten-Kampf, den Dantec über siebenhundert Seiten lang in seiner Black Box über die Jahre hinweg aufgezeichnet hat, ist ein Vierter Weltkrieg, den die Islamistische Internationale, unterstützt von links- und rechts-nihilistischen Volltrotteln aus „Doofeuropa“, gegen das christliche (!!!) Abendland führt. Armageddon, das letzte Gefecht.

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Dantec hat den Beginn des Großen Kriegs und das bösartige Versagen der Europäer in Jugoslawien gesehen, mit traumatisierten Augen, als er sich Anfang der 1990er Jahre auf Seiten der Bosnier gegen die serbo-kommunistischen Massenmörder und KZ-Schergen engagierte. Aber der Krieg will nicht aufhören und wuchert epidemisch weiter: „Wie ein überzeitlicher Spiegel unserer Geschichte nimmt der Zerfall Ex-Jugoslawiens kein Ende. Die ethnisch-islamische Säuberung der Albaner gegen die Kosovo-Serben wird von Tag zu Tag schlimmer. Die orthodoxen Metropoliten rufen Europa und Frankreich zu Hilfe. Die Antwort ist dumpfes Schweigen, belastet mit allen vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Genoziden.“ Über dem behäbigen Schweigen ist Dantec glatt zum Bush-Anhänger geworden, zum militanten Transatlantiker, Monarchisten, vorkonziliaren Katholiken, rabiaten Anti-Linken, drogierten Apokalyptiker.

Vor allem aber ist Maurice G. Dantec ein funkelndes Symptom für das Unbehagen in der Gegenwartskultur, insbesondere für den krachenden Schiffbruch der gesamten französischen Links-Intelligenz, die vor ein paar Jahrzehnten noch die intellektuelle Avantgarde Europas stellte. Die Biographie enthält den Schiffbruch in nuce.

Dantec wurde 1959 in Grenoble geboren, sein Vater war Mitglied der Kommunistischen Partei, engagiert in der Résistance. Seine Pubertät verlebt er in der Pariser Banlieue, wo er sich in den üblichen pop-anarcho-gauchistischen Zirkeln der 70er Jahre herumtreibt, im Gelände zwischen Led Zeppelin, Situationistischer Internationale, Trotzki und Rimbaud. Ende der 1970er Jahre gehört er zu den Punks, kurz danach zu den Wavern. Das (lebenstechnisch aussichtslose) Philosophie-Studium bei Gilles Deleuze bricht er schnell wieder ab. No Future! Eine Philosophielehrerexistenz unter der Fuchtel der zentralistischen Staatsverwaltung kommt nicht in Frage. Was folgt, ist das typische Desaster der 1980er Jahre („Du hast keine Chance, aber nutze sie“): erfolglose Avantgarde-Musiker-Karriere, ausgehebelt vom klebrigen Pop-Mainstream, Anzeigenjournalismus, Werbebranche, Telemarketing, und dann doch: das Schreiben. Dantecs erster Roman „La sirène rouge“ (The Red Siren) von 1993 hatte Erfolg. 2002 kam der gleichnamige Film in die Kinos.

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In denselben 1980ern waren die widerlich machtbesessenen „68er“ natürlich schon durchgestartet, um es sich in den Chefsesseln der Mitterandschen Ministerien, der Konzerne und Medien gemütlich zu machen. Mögen sie ihre fetten Staatspensionen und Aktienpakete verwalten in Frieden! Die Verachtung Maurice Dantecs ist ihnen sicher.

Wenn an den wüsten Flüchen und Verfluchungen aus „American Black Box“ etwas unmittelbar sichtbar wird, dann vor allem auch (das verbindet ihn mit Michel Houellebecq) die generationelle Verwerfung zwischen den links-liberalen Hippie-Baby-Boomern und denen, die das Pech hatten, ein bisschen später gekommen zu sein. Wie ein roter Faden zieht sich die Abrechnung des Cyber-Punkers mit den infamen Lebenslügen der alten, neuen „Linken“ (der neoliberal gewordenen Foucault-Fans, der liberal toleranten Öko-Studienräte, der alt-bourgeoisen Quoten-Feministinnen, der billigen Mainstream-Journaille) durch das Buch: die Profit- und Karrieregier, der abgestandene Party-Kommunismus, die ideologische Dauerbesserwisserei, der verlogene Moralismus, der widerliche Antisemitismus, der sich als Palästinenserliebe tarnt, und vor allem die Unfähigkeit, auch nur einen einzigen, ernsthaften politischen Gedanken fassen zu können: zum Beispiel den historisch simplen, dass die republikanische Super-Freiheit, die sie unentwegt konsumieren, ohne die seinerzeitigen amerikanischen GIs ein absolutes Nazi-Kollaborations-Nichts wäre. Und nicht weniger heuchlerisch sind die Prozessionen gegen den bösen, allzu bösen Kapitalismus, während man (ganz unverschämt nebenbei) Papas Dividenden einstreicht. „Heuchler“, „Zyniker“, „Nullen“, „Mikrohirne“ ruft ihnen Dantec ins schon wartende Grab. Jeder texanische Barbar mit Colt und Bibel ist der Pariser oder Berliner bourgeoisen Revolutionschickeria überlegen.

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Wer das explosive Klima der Gegenwart begreifen will, nicht nur der französischen, sollte die anti-linken und anti-islamistischen Wutanfälle Dantecs zur Kenntnis nehmen. Sie sind symptomatisch für das Ende des Post-Histoire. Das 20. Jahrhundert ist definitiv vorbei, und mit ihm die überkommenen Polit-Kategorien. Liberale entdecken Marx, Marxisten de Maistre, Atheisten feiern die Apostel. Und Dantec selbst bezeichnet sich mittlerweile – wüster Schreck! – als okzidental, zionistisch, christlich und unterfüttert das Selbst-Portrait mit Amphetaminen, Dance-Floor und Tatoos. „Das einfachste Wunder, das in den katholischen Wörtern steckt? Man braucht sie nur auszusprechen, und schon wird es auf der wildesten Party wunderbar still.“

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Flinke Vorurteile wie „reaktionär“ oder „rechts“, „Cyber-Dandy“ oder „Schizo-Christ“ werden nicht ausreichen, um die Apokalypse, die Dantec im Angesicht des kommenden Terrors zeichnet, wieder wegzuwischen, und erst recht nicht die papiernen Dauerdekonstruktionen des üblichen Nihilismus light. Dass der terroristische Islam oder die Kleingangster aus den Banlieues das Neue Proletariat wären, wie Staatsbeamten-Soziologen bis vor kurzem noch fleißig verkündeten, ist eine närrische Behauptung. Verse wie „Frankreich iss ne Schlampe / die hat uns verarscht an der Rampe / der Hass macht die Wörter vulgär / wir ficken die Republik populär“ sind nur mit Mühe als Wunsch nach universaler Brüderlichkeit zu entziffern. Dass es Al-Kaida oder Hamas in Wahrheit (also: eigentlich) gar nicht um den Islam, sondern um die 35-Stunde-Woche, Jahresurlaub und Kaufkraft für die Massen ginge, ist eine idiotische These. Sie wird keinen Deut besser, bloß weil „Attac“ und „Le Monde Diplomatique“ sie jahrelang mit Inbrunst propagiert haben. Umso genüsslicher und umso brutaler zitiert Dantec aus offiziellen Hamas-Texten, umso boshafter (und verzweifelter) listet er die Toten und die Massaker der letzten Jahrzehnte auf. Mit blutunterlaufenen Augen schreibt er gegen die morbiden Nihilismen der westeuropäischen Postmoderne an, wonach alles gleich gültig sei, und eine Wahrheit, für die zu kämpfen sich lohnte, sowieso ein dummer Irrtum.

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Die Probe aufs Exempel lässt sich leicht machen. Es genügt, das simple Syntagma „wahrer Glaube“ irgendwo zu äußern. Die betretenen Gesichter werden nicht lange auf sich warten lassen. Die Wirklichkeit sieht trotzdem anders aus. Dantec versucht sie in Szenen festzuhalten wie der folgenden: „Der Schuss hallte in der Luft, so klar wie ein Punkt auf einer weißen Seite. Ein Vogel war aufgeflogen, das Kind lag in einer glitzernden Lache, drüben auf der anderen Straßenseite. Von fern hörte ich eine Frau brüllen. Ich saugte gierig die Luft ein, gegen die Mauer geduckt, und betete im Schatten der von Einschüssen durchlöcherten Kapelle zu einem unsichtbaren Gott.“ Wer das für Kitsch hält, hat nichts kapiert. Nichts.

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[Der Text ist 2006 in der Süddeutschen Zeitung erschienen. textundsubjekt macht ihn aus Anlass des Todes von Maurice G. Dante, der am 25. Juni 2016 in Montréal gestorben ist, erneut zugänglich. Hier der Nachruf aus Libération: Dantec, la dernière apocalypse – Culture : Next – und hier ein Nachruf von Hubert Artus: http://blogs.lexpress.fr/le-pop-corner/2016/06/27/5001/ – Zum Werk, aus dem bislang noch keine einzige Zeile auf Deutsch vorliegt, vgl. Clemens Pornschlegel: Nach dem Poststrukturalismus, Berlin,Wien 2014, S. 61 – 83.]

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