Der Syrer als Wahrnehmungsstörung

Man kann nicht sagen, dass wir nichts gewusst hätten. Wir wollten es nicht wissen, den Blick zufrieden auf die beste aller Welten gerichtet: Demokratie, Kontingenz, Aufklärung, Kommunikation, Jahresumsatz, Freiheit, Bundesliga, Steueroptimierung, Toleranz, Wahlergebnis, Leistung, Geschäftsidee, Bürgerrecht. Und über allem der schöne Vers: „Verweile doch! du bist so schön!“(V. 1700, „Der Tragödie erster Teil“): der Teufelspakt der falschen Vernunft. Die Wahrheit kommt allen unvernünftig, hässlich und spinnert vor. Heiner Müller formulierte sie 1991, vor 25 Jahren, in vier Sätzen.

[Horkheimers Vision der Zukunft als total verwalteter Welt und Aldous Huxleys „Schöne neue Welt “ sind lediglich] die pessimistische Variante der Hoffnung, dass die Festung Europa auf Dauer gehalten werden kann. All diese Visionen unterschlagen, dass die dritte Welt eine Macht ist; dass die, auf deren Kosten man lebt, dem nicht ewig tatenlos zusehen werden. Dazu bedarf es keiner militärisch-ökonomischen Stärke. Es reicht völlig, wenn sich Millionen Verelendeter in Bewegung setzen. (Heiner Müller: Gespräche 3, Werke 12, S. 7.)

Das Wort ‚Verelendete‘ klang komisch 1991, als die Rave Parties stiegen und die Freiheit siegte. Zwei Jahrzehnte später haben die Verelendeten („auf deren Kosten man lebt“) sich massiv in Bewegung gesetzt. Und wie alle Verelendeten – in Victor Hugos „Les miserables“ kann man es nachlesen – sind sie auch böse: neidisch, gehässig, rachsüchtig. Nur: jetzt wollen wir natürlich noch weniger davon wissen. Am liebsten würden wir die Botschaft, den Botschafter und die In-Bewegung-Gesetzten auf einmal erschlagen, drei auf einen Streich, weg, weg, weg. Haut ab! Ihr nervt! Jetzt, wo der Müller-Verelendungs-Kapital-Quatsch wahr geworden ist, stört er noch viel mehr.

Die Stimme der Vernunft (mit beiden Beinen fest auf dem Gaspedal, fest klebend am Individualverkehr und am Mineralöl) brüllt laut und lauter: „Dritte Welt“? Du meine Güte, wie kann man bloß noch so eurozentrisch denken? Ein obsoletes Konstrukt! „Verelendete“? Gibt’s nicht! Das sind ganz normale Wirtschaftsflüchtlinge, und alle immer mit dem schicksten Smartphone in der Markenjeans-Tasche! „In Bewegung gesetzt“? Von wegen! Gezielt von menschenverachtenden Schlepper-Banden (wer weiß, wer dahinter steckt) dazu aufgestachelt, angeworben, eingesetzt.  Die siebte Kolonne! Und zwar – so schlußfolgern die messerscharf Gewieften – mit einem langfristigen strategischen Ziel: UNS ausplündern, unterwandern, in Besitz nehmen, klammheimlich abschaffen. Ein Genozid an den Völkern! An Europa! Am Abendland! An den Werten!

finanzen

Patriotischer Europäer mit Sitzzwang (PEMIS)

So reden mittlerweile die meisten (und wünschen sich die gute alte MAUER und die FESTUNG zurück). Es gibt keine Wahrheit, die nicht durch Phantasmen (im Politischen in der Regel paranoide) entstellt und verzerrt würde. Letztere haben den Vorteil, die Evidenz der Wünsche auf ihrer Seite zu haben. Sie kosten nichts, bescheren in einem fort Lust und Vergnügen und bestätigen immer nur das, was man sich eh vorstellt und dann in der sogenannten Realität jubilierend wiederfindet. Der Rest wird – genüsslich – ignoriert, denunziert, demokratisch („wir sind das Volk und ergo das Gesetz!“) kritisiert: delirant, falsch, UNVERNÜNFTIG.

Die Frage ist: Was stellen die meisten – Qualitätsjournalisten, Volksparteien, völkische Parteien, Dampfplauderer, Meinungsbeumfragte… – sich am liebsten vor? Was wünschen sie sich innig und fest? Und die gesetzliche Antwort lautet (wenig überraschend): Alles, bittschön, soll in Ruhe und Ordnung genauso bleiben, wie es (noch nie gewesen) ist! Wohlstand, Freiheit, Grillabend, Tatort, Rechtsstaat, ABENDLAND. Verweile doch! du bist so schön! Und folglich wollten sie auch noch nie etwas wissen von Elend, Krieg, Folter, Gewalt, Bürgerkriegen, verflossenen Kolonialregimen, vom Irrsinn draußen: nichts von Assad, nichts von Khaddafi, nichts von Ben Ali, keine Ahnung, fremde Länder, fremde Sitten… Und von den KAPITALSTRÖMEN, die damit ein wenig zu tun haben, auch nicht. Gestern nicht, heute nicht, morgen nicht. Das hat DEFINITIV nichts mit uns zu tun. I wo. Was können WIR für irgendwelche Barbaren-Kriege in irgendwelchen vorsintflutlichen Patriarchaten, Syrien, Afghanistan, Nigeria, Palästina, im Kongo, im Irak, im Tschad, in Mali, Libyen, Eritrea? Wissen Sie da was Genaueres? Verstehen Sie das? Na also… Wir können nichts dafür. Und außerdem geht es uns auch nichts an. Ein jeder kehre vor seiner eigenen Tür. Der Mensch ist ein plurales, kulturell differentes Wesen.

guantanamo

Dialektisch Humanitärer Vollkapitalismus 1

Dabei wissen alle (wie unwillig auch immer), dass es NICHT STIMMT, dass das eigene HASS-Gerede nur dazu da ist, sich die Realität vom Leib zu halten, DEN SYRER als solchen. Sein Gespenst sitzt in den Export-Import-Bilanzen, es sorgt für Heckler&Koch (vom Neckar), befeuert 6-Zylinder, wird am Hindukusch verteidigt, schlendert in der Edel-Burka durch Einkaufsmeilen, beflügelt das Panzergeschäft, belebt den Weltfußball, das Energiegeschäft, den Rolex-Komplex. Wie aus dem Lehrbuch des Schizo-Kapitalismus: Was der Import-Export mit der linken Hand decodiert (Porsche im Kongo, Laubbläser in Indonesien, gender mainstreaming in Burma, good governance im Sudan usw.), das recodiert die rechte umgehend mit stramm nationalem Ausländer-raus!-, Grenzen-dicht!-, Deutschland-den-Deutschen-Geschrei. Links der Drang, sämtliche Barrieren in einem fort einzureißen, die Produktion ins Kosmische zu katapultieren, auf Kapitalertrag komm raus; rechts rumort die große Paranoia, die Heimatverbundenheit, der Verwurzelungsdrang. Links treibt man den Fortschritt universal in die Welt, pfeift auf archaische Zivilisationen, befördert alle Zurückgebliebenen ins Reich der Moderne und des weltweiten Warenverkehrs, rechts wird gefeiert: Leitkultur und einiges Volk, Sitten und Trachten, Reinheitsgebot und urtümliches Hausrecht, Stacheldrahtzäune und Schützenvereinswesen.

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Dialektisch Humanitärer Vollkapitalismus 2

Das beunruhigendste Symptom der laufenden Gegenwart – globalisiert, weltweit vernetzt, frenetisch durchflogen auf sämtlichen Airlines – ist ihre abgründige Provinzialität: historisch uniformiert, geschichtslos, weltweit aufs Private beschränkt (die „unsichtbare Hand“ wird’s schon richten…). Idioten sagten die alten Griechen. Sykes-Picot? Nie gehört! Goldene Pforte? Gibt’s das bei Hornbach? Baghdad-Bahn? Great Game? Muss vor Pokemon gewesen sein… Dass zur Wirklichkeit Geschichte gehört: Schlachten, Institutionen, Grenzziehungen, heilige Texte, die bestimmen, was ist, fällt nicht weiter auf. Genau deswegen aber kann der SYRER auch nur penetrante Realitäts- und Wahrnehmungsstörung vorkommen. Und was das Blödeste ist: Er wird nicht verschwinden. Er wird immer wiederkommen.

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Dialektisch Humanitärer Vollkapitalismus 3

Und er wird die voll privatisierte Gartenzwerg-Ruhe der universalistischen Abendland-Rentner immer weiter stören: „Denn die Vorherrschaft der europäischen, der westlichen Welt bricht zusammen und verschwindet. Durch den Lauf der Dinge werden wir dazu gezwungen, auf die Vorstellung zu verzichten, es gäbe so etwas wie eine höhere Kultur, eine Kultur, die höher oder besser sei als andere Kulturen. Ich behaupte nicht, dass die Idee unserer Höherwertigkeit schon völlig verschwunden wäre, aber sie wird jetzt doch vom Rest der Welt nachhaltig bestritten, und die Dinge laufen nicht mehr so, wie sie bisher gelaufen sind. Es gibt Gegenwind. Die Völker, die wir bisher unterdrückt und zermalmt haben, machen nicht mehr mit.“ (Pierre Legendre, November 2009)

Nein, man kann nicht sagen, dass wir es nicht hätten wissen können. Was man sagen kann, ist: Wir wollen nichts davon wissen. Wir wollen verweilen: die einen an der Speerspitze des Schizo-Kapitals, wo alle Geschlechter, Nationen, Grenzen, Identitäten in einem fort liquidiert werden, wo die Simulakren und flüchtig hingemachten Selbst-Ästhetiken zuhause sind, die anderen im trauten Heim, wo der Bausparvertrag und die national-genealogischen Wurzeln wachsen, der gesunde Menschenverstand und die ordentliche Ordnung. Und dabei sind einen und die anderen: dieselben.

Wer es genauer wissen möchte, kann sich hier informieren:

www.migrantpodcast.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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