Die Hex von Hullebeck

Ein Märchen aus der Zeit, als die Menschen mehr als bloß ihre Schatten verkauft hatten

Es war einmal ein gar garstig Weiblein, das mit dem Glück der Welt, in der es lebte, nicht zufrieden sein wollte. Während alle Leute in Frieden, Eintracht, Wohlstand, modernster Dekonstruktion und großzügigen Bauhaus-Bungalows lebten, braute es in übel riechenden Pariser Kellerlöchern wüste Apokalypsen zusammen. Es verfluchte den Dauer-Konsum und den miesen Sex, die Frustrationen im Supermarkt und das Elend der Arbeitslosen, lobte den Wein, gebackene Meeräschen und das Geschenk der Liebe, schimpfte aber in einem fort über islamistische Attentäter, verlogene Journalisten, schlechtes Essen und langweilige Avantgarde-Romane, in denen die Welt auf autofiktionale Bauchnäbelchen zusammenschnurrte. Es war die Hex von Hullebeck.

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Jed Martin: „Der Gott des Essens ist tot! Und wir haben ihn umgebracht“, Nietzsches Autobahnphotos (Naumburg 2016). 

Und gar viele liefen ihr hinterher: Theaterleute, Poeten, Nicht-Poeten, Musiker, x-beliebige Männer und Frauen, die lesen und schreiben konnten. Sie schlürften das Hexengebräu des hässlichen Weibleins in vollen Zügen und bescherten ihm ein pralles Säckel Geld und ziemlich viel Ruhm. Sogar manche Zeitungsmenschen nippten davon, ja soffen genüsslich mit und lobten die Hex von Hullebeck über den grünen, berauschten Klee. Zuletzt wurde sie aufgrund ächt teuflischer Magie, Korruption und mafiösen Betrugs mit dem erzdeutschen Schirrmacher-Preis ausgezeichnet. Hoppala! Das verdroß den mächtig patriotischen Herzog Robin von der Aufklärung zu Uhlenhorst-Unterhosen derart, dass er (in seiner Eigenschaft als protector fidei) umgehend eine Reichsmoderne-Synode einberief, sich klug mit dem welschen Grafen von der untergehenden Linken verbündete und zum vermutlich vorletzten Kreuzzug zur Rückgewinnung der selig entschlafenen Länder Moderne und Postmoderne blasen ließ.

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Jed Martin: „Wir haben das Glück erfunden!“, Nietzsches Autobahnphotos (Naumburg 2016)

Tataratü-Halali! schallte es durch sämtliche Redaktionsstuben der aufrechten Zunft vom Orden der reinlich critischen Vernunft. Die Welt brauchte dringend einen „rappel à l’ordre“, ganz unbedingt:

Verbrennet sie, die böse Hex!
Sie redet immer noch – igitt – von Sex! 
Sie ist bloß ein kastrierter Mann,
Der sich mit der Waren Gewimmel nicht anfreunden kann.  

Sie hasset Mode, Gender und Moderne, 
Fortschritt, Profit, sogar die Sterne 
Tut wie ein echter Profet
Der uns die Augen öffnen tät' 

Verspottet der Frauen Reinheit,
Und die Güter der Allgemeinheit. 
Liebe Leute, glaubt ihr nicht!
Es ist des reaktionärsten Teufels, was sie spricht!

Herzog Robin und Graf von der Linken freuten sich gewaltig über ihre (wieder einmal) super gelungenen Verse, die durch den zertifizierten Qualitätspressewald (sozial-liberalen Angedenkens) brausten, von der Elbe bis an die Sihl. Sie waren recht heiter und vergnügt, sahen die Hex von Hullebeck schon brennen und brüllen, die dreckigen Fluten der Reaktion eilig zurückweichen, ganz wie der Hofnarr des Grafen, Daniel von Lindenberg, es geweissagt hatte – als über ihnen plötzlich der Geist der Dialektik der Aufklärung herumzuflattern begann.

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„And did they get you to trade your heroes for ghosts?“

Der Himmel verdunkelte sich, ein Sturmwind brach los und eine gewaltige Stimme dröhnte herab: Was ihnen einfiele, stumpfsinnige Hexenjagden zu veranstalten, Hass zu säen, Ignoranz und eitlen Hochmut, blöd herumzuquäken, das Glück sei ausgebrochen in der globalen Postpostpostmoderne, es bedürfe keiner Arbeit an den Begriffen und keiner sorgfältigen Lektüre mehr, keiner Analyse und keiner Prüfung der Sachverhalte. Sie sollten sich was schämen, erst einmal die Schriften der Hex von Hullebeck, von Philippe Muray und Maurice Dantec lesen, sine ira cum studio, womöglich ein bisserl darüber nachdenken, über den großen Krieg und die Unfreiheit, bevor sie sich billige Reime erlaubten und das Wiederkäuen vergammelter Gemeinplätze feierten. Insbesondere sollten sie auch über den Spruch des weisen He-Li-Tsa meditieren: „Sie haben sich schließlich gefunden, das christliche Abendland und die sexuelle Revolution. Zwei Seelen haben entdeckt, dass sie eine sind: die vom Geschäft.“ Und wenn sie sich jetzt nicht gleich auf den Hosenboden setzten, die Schriften des seligen Herbert von Weitermachen und des heiligen Theodor vom Richtigen Leben fein säuberlich drei mal abschrieben, würden sie mit Albträumen gestraft, die sich gewaschen hätten: wie sie Punkt Mitternacht an ihren Stehpulten „Sein und Zeit“ aufschlagen und alle Paragraphen schwitzend absingen, durch die Fußgängerzone ziehen und „Karl Popper, Filosofengott“ brüllen müssten u. dgl. mehr.

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Lektürehinweis für große und kleine Ignoranten

Herzog Robin und Graf von der Linken sahen sich erschrocken an, kicherten verlegen und machten sich alsbald vom Acker. So ein Scheiterhaufen wär‘ doch gar zu schön gewesen. Die Hex von Hullebeck hockte indes weiter auf ihrem fetten Ruhm- und Geldsäckel, guckte bös um die Ecke, ähnelte Madame Baudelaire (immer mehr) und setzte ihr Hexenwerk unbeeindruckt fort.

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Die Hex von Hullebeck

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