Marc Petit: Über die unaussprechlichen Konsonanten des Realen

« saisir
ce qui s'enfuit
pour donner l'impression
du temps qui passe. »

              Marc Petit

Ja, lassen Sie uns vom Realen sprechen. Wir tun nichts anderes. Das Reale gleicht keiner einzigen Sache, die wir kennen. Es ist nichts – ich will sagen: nichts, das irgendwie dem ähnlich sähe, was darüber erzählt wird. Das Reale (ich spreche hier nicht über den Gegenstand der Naturwissenschaften, sondern über das Reale, von dem Schriftsteller, Künstler und die einfachen Leute reden, wenn sie das Wort benutzen), dem Realen, sage ich, kommt als allererste Eigenschaft diejenige zu, ungesagt zu sein und ungesagt zu bleiben. Das Reale wird und ist nicht gesagt, weil es jeder Art von Sprache, mit der man es nennen und zu begreifen versucht, vorhergeht. Zum Beispiel die Liebe, der physische Schmerz, das Berühren einer Rinde oder eines Steins, der Geschmack eines bestimmten Weines – nichts von all diesen Dingen und noch weniger ihre Kombination und ihre Berührung mit noch vielen anderen Dingen in einer Art von… sagen wir: Welt, Leben, Realität, egal –, nichts davon ist sagbar, nichts sprachlich ausschöpfbar; nichts davon, wenn man es sich genau überlegt, ist benennbar. Denn kein einziges Wort könnte seine eigene Abwesenheit sagen oder wie mit dem Finger auf eine Welt ohne Worte hindeuten. Kein Wort ist in der Lage, uns ein Gefühl davon zu vermitteln, wie eine Welt vor den Worten aussähe. Das ist insofern befremdlich, als genau diese Welt ohne Worte tatsächlich unsere Welt ist, die Welt, die uns in jedem Augenblick voll entgegenschlägt. Das Wirkliche kommt ständig auf uns zu, seit unserer Kindheit glotzt es uns an, untersagt, stumm, mit der Miene des grobschlächtigen Idioten, der uns zu verstehen gibt, dass er sowieso alles besser wüsste. Und dabei hören wir nicht auf, es mit Worten zuzudecken, es irgendwie bewohnbar zu machen, ihm ein menschliches Gesicht zu geben, anders gesagt: es zu verraten und ihm den Rücken zu kehren.

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[„Als wüsste er es besser…“]

Dieses Wirkliche (der Begriff ist wirklich schlecht gewählt, denn dort, wo es ständig vor uns auftaucht, gibt es noch keine Dinge, jedenfalls keine Gegenstände) erscheint blockartig, ungeteilt. Kein Katasteramt hat es in die Parzellen aufgeteilt, die dem Vokabular des jeweiligen Stammes entsprechen. Es erscheint auf einen Schlag, um gleich wieder zu verschwinden und sofort neu wieder aufzutauchen, noch bevor der Redner es sprachlich organisiert, womöglich erzählt hätte, indem er nach und nach, gemäß den Regeln der Syntax, den Fächer der Wörter (und ihre Zeit) entfaltet. So lässt das, was klar auf der Hand liegt und was uns manchmal die Sprache verschlägt, bereits in unserem Kopf, noch bevor wir den Mund aufgemacht hätten, einer fabelhaften Oper den Vortritt. Und dieser bel canto stellt keinesfalls den Rohstoff unserer Erfahrung dar, vielmehr interpretiert und transfiguriert er sie, indem er ihr Form gibt. Tatsächlich legt er sich über die Erfahrung und ersetzt sie auf derart perfekte Weise, dass er in unserem Geist fast mit dem Realen selbst verwechselbar wird. Das Tier ist da, niemals vollständig gezähmt, es geht an der Leine, manchmal begehrt es auf, manchmal beißt es auch, alles in allem verhält es sich aber ziemlich ruhig.

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[Filmische Auseinandersetzung mit dem ziemlich bekifften Realen; Still aus: A Serious Man, Ethan und Joel Coen, 2009]

Was die Menschengattung angeht, so hat die Natur es allerdings so eingerichtet, dass wir ein für allemal ein Interesse daran haben, hauptsächlich gemäß dem Geist zu leben, in einer Welt aus Worten, und nicht so sehr gemäß dem Körper. In der Lüge eher als in der Wahrheit? Oder umgekehrt? Die Wörter sind nicht falscher, als das Reale wahr ist, auch nicht besser, auch wenn sie – darin unterscheiden wir uns von anderen Lebewesen – uns anscheinend über die Natur erheben wollen. Sie lügen nur dann, wenn sie vorgeben wahr zu sein und an den Dingen zu kleben, anstatt sich als das zu geben, was sie sind: ganz einfach eine Fiktion, genauer gesagt: eine komplexe, zusammengesetzte Fiktion, die bis ins Unendliche die harten, unaussprechlichen Konsonanten des Realen vokalisiert.

Aus: Marc Petit: Éloge de la fiction, Paris 1999, S. 15-17.

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