Allegorien des Unendlichen

Im Verlag Turia+Kant neu erschienen ist das Buch von Clemens Pornschlegel:

Allegorien des Unendlichen. Hyperchristen II. Studien zum religiösen Engagement in der literarischen Moderne. Kleist, Schlegel, Eichendorff, Hugo Ball. 

Es setzt die kritische Arbeit am Säkularisierungsnarrativ der Literaturgeschichtsschreibung fort und erinnert anhand ausführlicher Textanalysen an die religiösen, politischen und kulturellen Auseinandersetzungen, die in und mit literarischen Texten des 19. und 20. Jahrhunderts geführt worden sind. Sie sind nicht vergangen.

Religionskriege und Kulturkämpfe sind historisch nicht in Literatur und Ästhetik aufgelöst und im Reich der schönen Künste sowie der reinen Wissenschaft neutralisiert (und fiktionalisiert) worden. Sie werden vielmehr auch in und mit den Texten, deren unterschiedlichen Weltentwürfen, Sprachkonzeptionen, Darstellungsformen geführt. Wissenschaft und Kunst haben die Religion (und die damit verbundenen Polemiken) nicht abgelöst, wie die Doxa der „Wissenschaft“ will, sondern sie bleiben strukturell an sie gebunden. Das Säkularisierungsnarrativ selbst – darauf weist Eichendorffs Geschichte der deutschen Literatur mit Nachdruck hin – ist (parteilicher) Teil dieser Konflikte, nicht deren Lösung.

51paykjnmkl

[Allegorien des Unendlichen, Wien/Berlin, Verlag Turia + Kant 2017]

Die ausschließlich ‚ästhetische‘ Betrachtung literarischer Texte wird den religiösen, politischen und kulturellen Konflikten nicht gerecht, die mit ihnen ausgetragen worden sind und noch werden. Ästhetik, so die Einsicht, steht nicht jenseits von Religion und Politik, sondern in einer Wechselbeziehung mit ihnen. Deswegen geht es um die deutliche Beschreibung der unterschiedlichen (sich polemisch zueinander verhaltenden) Bezüge, die Subjekte zu Texten unterhalten, und um die Analyse der hermeneutischen Prozeduren, mit denen Texte klassifiziert, hierarchisiert, kanonisiert, gedeutet und Text-Welt-Verhältnisse begründet werden.

Den Studien zum religiösen Engagement in der literarischen Moderne, von der Romantik bis zum Dadaismus, liegt eine Einsicht zugrunde, die Jacques Lacan wie folgt formuliert hat: „Wenn man, so wenig es auch sei, an der Verbindung rührt, die der Mensch mit dem Signifikanten unterhält – etwa die Umwandlung der exegetischen Verfahrensweise –, ändert man den Lauf seiner Geschichte, modifiziert man die Vertäuung seines Seins.“

facebook_event_343637472644161

[Modifikation der Vertäuung des Seins, Zürich 1916]

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s