Das Cover von Sgt. Pepper

Die Beatles-LP „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ kam vor 50 Jahren, am 1. Juni 1967, auf den Markt, mit ihr das erste „concept album“ der Pop-Musik. Das heißt, die LP war nicht mehr länger bloß eine Aneinanderreihung von „Nummern“, die auf einem sogenannten Tonträger einfach nur dokumentiert worden wären, wie es bis dahin üblich gewesen war. Das Album präsentierte sich vielmehr als Werk, ja als ein spielerisches, Musik, Bild, Graphik und Installation miteinander verbindendes Gesamtkunstwerk.

Das Kunstwerk, mit dem die LP aufhörte nur Tonträger zu sein und zum literarischen Buch (inklusive seiner ihm eigenen Welt- und Werktotalität) aufschloß, kam vor allem durch ein dramaturgisches Verfahren zustande, nämlich durch die Inszenierung eines fiktiven Rahmens. Die Rahmenfiktion besagte Folgendes: Alle Songs, die im Folgenden zu hören sind, sind Songs der „Lonely Hearts Club Band“. Die Beatles blieben eingeklammert: „We’re Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band / Sit Back and let the evening go…“

Nun wurde die Rahmenfiktion aber nicht allein durch das erste Stück der Platte und dessen Reprise erzeugt. Es hätte kaum gereicht, die (Werk-)Fiktion aufrechtzuerhalten. Natürlich lassen sich die Zweieinhalb- bis Dreiminuten-Songs, With A Little Help From My friends, Lucy In The Sky With Diamonds, Getting Better usw., nach wie vor als Einzelsongs hören. Entscheidend dafür war vielmehr der vierseitige, von dem Pop-Art-Künstler Peter Blake gestaltete Plattenumschlag. Er setzte das Album der „Lonely Hearts Club Band“ noch vor jeder Musik ins Bild.

John, Paul, George und Ringo posieren in psychedelischen Adelskostümen vor einem grabähnlichen Blumenbeet, auf dem ein aus roten Hyazinthen gebildeter Schriftzug lesbar ist: Beatles. Dabei stehen sie in der ersten Reihe einer siebzigköpfigen Schar von Berühmtheiten aus Kunst, Literatur, Sport, Film. Ironischerweise tauchen in dem neuen Kanon auch die alten Beatles auf, und zwar in Gestalt ihrer Wachspuppen aus Madame Tussaud’s Kabinett. Die Puppen stellen die „Fab Four“ in ihrem jankerähnlichen Bühnenoutfit dar, das ihnen Brian Epstein als Bühnen-Image verpasst hatte.

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Peter Blake: Sgt. Pepper, Cover der Beatles LP

Ein zentraler Aspekt der ikonographischen Inszenierung wird deutlich: die Auseinandersetzung der Gruppe mit ihrem eigenen, als immer gespenstischer, vampiresker und mortfizierender erfahrenen „Image“. Die erfolgreichste Schlager-Combo der Welt ist nicht länger bereit, sich den geltenden Vermarktungsregeln der Unterhaltungsindustrie zu beugen und sich von ihr zum angestellten (und ausgebeuteten) Affen machen zu lassen. In den Kostümen der „Lonely Hearts Club Band“ verabschiedet, genauer: beerdigt die Gruppe ihr Pilzkopfdasein und meldet Anspruch auf künstlerische Freiheit an, auf Autorschaft und Werk, die juridisch nicht für industrielle Gebrauchswaren, aber für den Bereich der Kunst gelten.

Die soundtechnisch komplex gearbeiteten Songs (die großartige neue Stereo-Abmischung durch Giles Martin zum 50. Geburtstag des Albums liefert erneut den Beweis) hatten in der Tat nichts mehr gemein mit den Yeah- Yeah-Nummern der alten Fab Four. Das Album, auf dem zum ersten Mal auch die Texte oder die Lyrics abgedruckt sind, markiert jenen historischen Augenblick, in dem die Produzenten von sogenannter „U-Musik“ künstlerische Autonomie für sich beanspruchen. Der Traum der europäischen Kunstavantgarden nach Popularität und Massenwirksamkeit wird damit umgekehrt und prompt erfüllt. Angestellte der Musik- und Unterhaltungsindustrie reihen sich ins selbsterfundene Pantheon bzw. einen neuen Kanon der hohen Künste ein, der seinerseits wiederum um populäre Künstler erweitert wird: Karl-Heinz Stockhausen steht neben Shirley Temple, Edgar Allan Poe neben Laurel & Hardy…

„Mit der Erfindung der Lonely Hearts Club Band versuchten die Beatles, die Gesetze der Kulturindustrie auf poetische Weise außer Kraft zu setzen, um sich aus ihrem Image davonzustehlen. Von daher bezieht die scheinbar verspielte Fiktion ihre künstlerische Bedeutung und ihr ästhetisches Gewicht.“ (Walter Grasskamp)

Sgt. Pepper zählt in der Tat zu den epochalen Innovationen und Zäsuren in der Kunst- Geschichte des 20. Jahrhunderts. Und das Coverbild, das Peter Blake zu dem Album beigesteuert hat, ist grundlegend an dieser Zäsur beteiligt. Ohne dessen ironisch reflektierte Mise en scène der Problematik des Bildes in der Kulturindustrie, ohne seine Komposition eines neuen, alternativen Kanons wäre das Sgt.Pepper-Concept vermutlich nicht aufgegangen.

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Lyrics

Man kann deswegen die großartige (vom Wagenbach Verlag vorbildlich edierte) Studie, die Walter Grasskamp 2004 über das Cover von Sgt. Pepper und das Meisterwerk von Peter Blake vorgelegt hat, kaum hoch genug einschätzen. (Vgl. dazu: Walter Grasskamp: Das Cover von Sgt. Pepper. Eine Momentaufnahme der Popkultur, Berlin 2004) Die Monographie ermöglicht ein kunst- und kulturgeschichtliches Verständnis dessen, was 1967 passiert ist.

„Nur das, was als Kunstwerk angesehen wird, kommt in der Regel in den Genuss der differenzierten Betrachtungsmethoden, die in der Geschichte der Kunstbetrachtung entwickelt worden sind und die Bilder zur Sprache bringen können. Die Fragen, wie etwas gemacht worden ist, warum so und nicht anders, bringen auch Bilder und Dinge zum Sprechen, deren Bedeutung sonst zwar erlebt, aber nicht erkannt worden wäre.“ (Walter Grasskamp)

Und weil es dazu gehört, „dass andere, bereits als Kunstwerke anerkannte Bilder zur Beantwortung dieser Fragen hinzugezogen werden“, hat Walter Grasskamp das Cover von Sgt. Pepper – vollkommen zu Recht – in die lange Reihe bildlicher Kanondarstellungen gestellt, von Raffael bis zu den Surrealisten.

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Raffael: Die Schule von Athen

Mit ruhigem Blick stellt Grasskamp das Phänomen Pop-Art in die europäische Kunst- und Kulturgeschichte zurück, ohne dabei die Unterschiede zwischen Kunst und Entertainment einfach zu nivellieren. „Werbeanzeigen und Zeitungsphotos kann man nach der Analyse als erledigt betrachten, zu den Kunstwerken kehrt man jedoch auch dann als Betrachter zurück, wenn man sie nicht analysieren will oder bereits analysiert hat.“ (Walter Grasskamp)

 

Was eine Rückkehr zum Cover des Albums im Nachhinein aber auch zeigt, ist der dialektische Umschlag des Autonomie-Konzepts der Kunst, in welche die Beatles sich und die populäre Kultur einschreiben wollten, in deren ab sofort restlose Vermarktung. Sgt.Pepper markiert nämlich nicht nur den (gut gemeinten, emanzipatorischen) Aufstieg von Angestellten der Musikindustrie (die den Rohstoff für eine Ware liefern, die andere herstellen, vermarkten und verwerten) ins Reich autonomer Kunst, sondern umgekehrt auch die radikale Ausweitung der Warenlogik und des Massenkonsums auf die bislang als autonom geltende Sphäre der Kunst. Mit dem Cover von Sgt.Pepper zeichnen sich U-Musiker in den Kanon der großen Werkproduzenten ein, sie schleifen damit aber auch die bislang geltende Unterscheidung von Konsum und Kunst – mit der Spätfolge, dass jeder Marketingleiter sich mittlerweile als Kreativ-Künstler geben kann. Hinter der (anti-elitären) Demokratisierung der Kunst taucht also auch schon die Fratze ihres großen Anderen auf: des Kapitals.

Frank Zappa, kälter und analytischer, hat es gesehen und die dark side der poetisch-naiven Einschreibung der Beatles ins hohe Kunst-Pantheon auch sofort offenbar gemacht. Die andere Wahrheit der sogenannten demokratischen Emanzipation lautet: We’re only it for the money.

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Frank Zappa: We’re only in it for the money

Clemens Pornschlegel

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