Das Schweigen der Tuis

‚Der Wald steht schwarz und schweiget’, denn er hat nichts zu sagen.

Anonymus

Eine deutsche Besonderheit stellte ohne Zweifel das Schweigen der Intelligenz zur – nach wie vor laufenden – Griechenland- resp. Europa-Krise dar. Es war umso auffälliger, als alle populären Meinungskanäle monatelang in einem fort schäumten und geiferten. Man versuchte offenbar, das akademische Niveau zu halten, und zog es vor, lieber nichts zum Volkszorn zu sagen. Er richtete sich (wir erinnern uns) gegen stinkfaule Griechen, unfähige Spanier, liederliche Italiener, verlogene Franzosen, die es nämlich, wie man beim jährlichen Urlaub an deren Stränden ganz genau beobachten kann, eindeutig darauf abgesehen haben, uns – dem Kollektivsubjekt, das gelegentlich Fußballweltmeister und Papst wird – das im Schweiße unseres Angesichts und im Feinstaub der Städte ehrlich Verdiente, sauer Ersparte und klug Angelegte wegzunehmen. Die entfesselte Verlustangst rief folgerichtig eine politische Partei auf den Plan, deren Programm aus genau zwei Punkten bestand: DM-Nationalismus erstens, Ausländer-raus-Nationalismus zweitens. Das war nicht viel, reichte aber schon, um sie dauerhaft in der deutschen Parteienlandschaft zu verankern.

Zum Volkszorn gegen den penetrant arbeitsscheuen Süden wollte den hiesigen Historikern, Philosophen, Philologen, Soziologen, Politikwissenschaftlern und Theologen, wie gesagt, partout nichts einfallen. Sie hielten sich fein heraus, sowohl aus der politischen Sache namens Europa als auch aus dem wüsten furor teutonicus. Letzterer bestätigte leider sämtliche Clichés zum deutschen Wesen und strafte alle mühsam zusammengeschraubten Selbstbilder Lügen, also das Weltoffene, Kosmopolitische, Verfassungspatriotische, Demokratische, Urbane, Aufgeklärte, Moderne. Es hat leider nichts genützt. Der Deutsche stand wieder als herrschsüchtiger Gartenzwerg in seinen blühenden Landschaften, die europäisch sind und bis hinunter in die Ägäis reichen.

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Superkomplex ausdifferenzierte Moderne

Was Europa, das Volk und die Krise angeht, war und ist die deutsche intellektuelle Klasse offensichtlich blank: politisch, historisch, konzeptuell. Niemand fiel dem aggressiv auftretenden Nationalismus ins Wort; niemand versuchte der ‚altera pars’ Gehör zu verschaffen, die den in der Regel mono-lingualen Zeitgenossen, darunter auch eine ganze Menge Politiker, Banker und Volkswirtschaftler, schon aus simplen linguistischen Gründen verschlossen bleibt. Da waren weit und breit keine Romanisten, welche die Überlegungen, die in Frankreich, Portugal, Spanien oder Italien zur Krise angestellt wurden, dargestellt und zu bedenken gegeben hätten; da war kein Germanist, der an die imperialen deutschen Reichs- und Europa-Ideen Novalis’, Hofmannsthals oder Pannwitz’ erinnert hätte; kein Hellenist, der etwas zu Griechenland nach den Vorsokratikern gesagt hätte; kein Soziologe, der die sozialen Klassen, ihre Motive und Konflikte beim Namen genannt hätte, die sich in der Anti-Griechen-Raserei tummelten; kein Theologe, der die religiösen Hintergründe des monetären Schuld(en)-Komplexes erläutert hätte; kein Politikwissenschaftler, der durch interessante institutionelle Vorschläge hervorgetreten wäre, ob zur Ausgestaltung der europäischen Fiskalpolitik oder der Sozialversicherungssysteme, kein Historiker, der die Geschichte des griechischen Staates mitsamt seiner systemischen Korruption erläutert hätte. Nada. Nichts. Rien. Niente. Keno.

Brecht Turandot 4 In der Tuischule (Max Friedmann, Verena Kleiner, Beate Kellmann, Ulrike Dostal)

In der Tue-Schule: Warten auf eine Idee

Die Frage ist natürlich: Warum das gellende Schweigen? Während denselben Leuten doch sonst ständig etwas einfällt: zum grässlichen Sexismus in den Büchern Houellebecqs, zum Gewaltpotenzial der monotheistischen Religionen, zum miserablen Zustand der Literaturkritik, zur fehlenden Meinungsfreiheit in Russland, zur NSA, zur Genderfrage im Fußball, zum Postkolonialismus bei Goethe usw. usf. Wieso das Schweigen ausgerechnet zu Europa? Mitten in der Krise?

Zwei Antworten drängen sich auf. Erstens tut sich die Intelligenz offenbar immer noch sehr schwer zuzugeben, nach all den Jahrzehnten, in denen sie stumpf und stur das Gegenteil behauptet hat, dass die nationale Frage in und für Deutschland politisch (das heißt auch: ökonomisch, sozial, psychologisch) nach wie vor virulent ist, mitsamt den dazugehörigen Klischees, dass man also nicht dort angekommen ist, wo man sich seit den 1990er-Jahren immer schon angekommen wähnt: im Post-Nationalen und in der globalen (Post-)Moderne, in der sowieso feststeht, dass nationale Gemeinschaften bloß imaginär sind: konstruiert, erfunden, haltlos, überwunden, folkloristisch.

Und die andere Antwort lautet: Über Dinge, von denen man nichts versteht, muss man in Deutschland – ganz besonders unter den Gebildeten – vernünftigerweise schweigen. Stattdessen muss man das ordentlich wissenschaftliche, ungeheuer komplex ausdifferenzierte, hochspezialisierte Fach- und Sachwissen sprechen lassen, also Banker, Gläubiger, Europarechtler, Verwaltungsbeamte, Ökonomen, Minister, übernächtigte Brüsseler Verhandlungsrunden. Und zwar unter sich. In aller Ruhe. Da hat der Laie einfach die Klappe zu halten. Die Lage ist derart komplex, kompliziert, technisch verzwackt und hochdiffizil, dass der gemeine Untertanenverstand damit sachlich überfordert ist. Wer sollte da etwas wirklich Sinnvolles und Konstruktives sagen können? Wer kennt sie auch schon so genau, die Schulden, Zinssätze, Verträge, Klauseln? Das unleserliche Kleingedruckte? Die laufenden Kredite, die diversen privaten und öffentlichen Gläubiger? Die Fälligkeitstermine? Das Steuerrecht, die Verwaltungsmechanismen? Die höhere Mathematik der Exponentialfunktionen und Zinseszinskalküle? Dazu können sinnvollerweise nur die zuständigen Sachverständigen, die Wirtschaftsweisen respektive die allerhöchste höhere Führung etwas sagen. Alles andere wäre: unwissenschaftlich, populistisch, unredlich, unvernünftig, sozusagen ein Rückfall aus der komplex ausdifferenzierten Moderne steil hinab in die unterkomplexe Vormoderne – wo zum Beispiel die vorlaut palavernden Griechen noch hausen, die total archaisch rechnen und vollkommen naiv meinen, dass öffentliche Finanzen und private Sparbücher nicht dasselbe sind, dass es einen Unterschied zwischen öffentlichem Recht und Privatrecht gibt, zwischen politischen und privaten Angelegenheiten, dass ökonomische Angelegenheiten auch politische Dinge sind, dass man über die Regeln der Kreditvergaben, diskutieren könnte. Wie gesagt, das ist nicht (aus-)differenziert und sachlich informiert genug. Ansonsten gilt der altehrwürdige Satz: Pacta sunt servanda! Basta!

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Grieche bei der Vertragserfüllung

Man muss die beiden Antworten – das ramponierte Postnationale zum einen, den unerschütterlichen Max-Weber-Glauben an die wissenschaftlich-technische Experten-Vernunft zum anderen – nur zusammenzählen, um die traurige Botschaft zu vernehmen. Das Schweigen ist die politische Bankrotterklärung der deutschen intellektuellen Klasse, die nicht verstanden hat: erstens dass die (wie gesagt: nach wie vor laufende) Euro-Griechenland-Krise keine bloß finanz- und verwaltungstechnische, sondern eine fundamentale politische Krise der gesamten, nach 1945 aufgebauten politischen Ordnung Europas ist, zweitens dass Verwaltung und Finanzen nicht nur wissenschaftlich-technischen Sachfragen sind (mit den entsprechenden büro- und technokratischen Lösungen), sondern politische Fragen, drittens: dass Politik nicht das einsame Vergnügen von Verwaltungsbeamten, Experten und Sachverständigen, sondern die Sache aller ist (nicht nur im Süden), viertens: dass es den deutschen Nationalismus nach wie vor gibt, so wie es bis auf weiteres noch ein deutsches Volk und einen deutschen Staat gibt, und dass es folglich auch nichts nützt, die Augen fest zu schließen und besserwisserisch von „imagined communities“ zu reden, um das peinlich-hässliche Ding aus der Welt zu bekommen. Als Realitätsleugnung war die Formel nicht gemeint. Benedict Anderson würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

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Fähnlein des Imaginären

Welche Art von Sozialstaat wollen wir? Welche Güter und Dienste sollen allen zur Verfügung stehen und welche nicht? Welche Solidarleistungen sollen für wen erbracht werden und für wen nicht? Welche öffentlichen Dienste wollen wir und welche nicht? Welche Institutionen sollen politisch repräsentativ sein und durch Wahlen besetzt werden und welche nicht? Welche Kompetenzen sollen auf welcher politischen Ebene wahrgenommen werden? Welches Rechtsregelungen wollen wir und welche nicht? Welche nationalen Kompetenzen wollen wir an welche supranationalen Institutionen abgeben und welche nicht? Welche Verfassung wollen wir für Europa und welche nicht?

Diese Fragen sind weder klar gestellt noch beantwortet worden – und zwar deswegen nicht, weil man sie in Deutschland erstens schon für definitiv beantwortet hält, und zwar durch die wunderbar gegebenen Strukturen, und weil zweitens das Subjekt der Frage fehlt, also das politische Wir, das etwas will und anderes nicht will – und das sich in genau solchen Fragen immer wieder konstituiert. Anderswo nennt man dieses – in der Tat: palavernde – Willenssubjekt ‚Volk’, und die Möglichkeit, etwas zu wollen und anderes nicht zu wollen, nennt man ‚politische Freiheit’. Die deutsche Intelligenz gibt zu verstehen, dass es das eine so wenig wie das andere gibt. Das muss man den zurückgebliebenen Nicht-Deutschen aber erst erklären. Und dem wüst wütenden Gartenzwerg im eigenen Vorgarten auch.

Clemens Pornschlegel

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