Vom Nutzen der Nationalphilologie

Germanistische Literaturwissenschaftler werden regelmäßig – Stichwort: Legitimationskrise – von der Frage nach dem Sinn ihres Tuns heimgesucht. In der Regel besteht es darin, Texte zu interpretieren, Kommentare zu verfassen, Werkausgaben zu veranstalten, Literaturgeschichten zu schreiben, und nicht zuletzt darin: das Wissen über die Literatur an Studenten weiterzugeben. Es ist nicht sinnloser als die Fabrikationsgeheimnisse von Brauselimonaden oder Einspritzmotoren. Auf den ersten Blick lässt nichts auf dramatischen Sinnmangel schließen.

Im Gegenteil. Die Literaturwissenschaft ermöglicht über das Faktenwissen zu Autoren, Epochen, Stilrichtungen, metrischen Systemen, rhetorischen Figuren hinaus den Zugang zu historisch unterschiedlichen Welten, zu Sprech-, Wahrnehmungs- und Empfindungsweisen, zu Konflikten, verschiedenen Raum- und Zeitordnungen, Erzählmustern, Affektmodellierungen, Sozialisationsritualen, Zukunftsvorstellungen. All das – die Liste ist nicht vollständig – wird in literarischen Texten exemplarisch zur Sprache gebracht.

Die literarischen Texte, die nicht umsonst besondere soziale Wertschätzung genießen, sind für die Geschichte des sprachlich geprägten Weltverhältnisses fundamental. Sie haben es für die ganze Gesellschaft repräsentativ zum Ausdruck gebracht. Und die Literaturwissenschaft lässt sich aus diesem Grund als jene Disziplin begreifen, welche die Geschichtlichkeit der mit der dichterischen Sprache sich jeweils öffnenden und eröffneten Welten erforscht, das entsprechende Wissen sammelt und in der Gegenwart für dieselbe Gegenwart bewusst macht.

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Frontale Bewusstseinserweiterung

Die literarisch tradierten Gehalte sind auch dann nicht verschwunden, wenn sie aus dem Bewusstsein der meisten Zeitgenossen herausgefallen sind und jene nicht weiter belasten. Das Vergessen ändert nicht das Geringste an ihrer historischen Existenz und kulturellen Wirksamkeit. Es gibt nämlich keine Gegenwart ohne Geschichte, die nicht deren Weltsicht und Weltverständnis geprägt hätte, kein Wort, das nicht von geschichtlichen Erfahrungen zeugte. Wer Wörter benutzt, konnotiert zwangsläufig Zusammenhänge, die über die Bezeichnung sogenannter einfacher Sachverhalte hinausreichen. Der Grund dafür liegt darin, dass das Bedeutungsspektrum der Sprache ein geschichtlich gewordenes Verhältnis zur Welt in sich schließt und damit über eine Tiefe verfügt, die nur dann bewusst wird, wenn man um dessen Geschichte weiß, konkret heißt das: wenn man die Texttraditionen kennt, in denen es maßgeblich ausgestaltet worden ist. Wer erfahren will, was es mit „Bildung“ subjektiv, politisch, institutionell, sozial auf sich hat, welches Personen- und Erziehungsverständnis ihm zugrunde liegt, muss auf Texte von Moritz, Goethe, Schiller, Humboldt oder Stifter zurückgreifen. Oder er muss wiederholen, wovon er nichts weiß.

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Differenz und Wiederholung

Nichts, wie gesagt, deutet auf einen chronischen Sinnmangel des germanistischen Tuns hin. An der Natur der literarischen Dinge liegt es gewiss nicht, wenn das Fach immer wieder von Krisen heimgesucht wird und laut zu klagen beginnt: über schwindendes gesellschaftliches Interesse, das Verenden der Literatur in der digitalen Medienlandschaft, den neuen Medienanalphabetismus, das Ende der Gutenberg-Galaxis usw. Die kulturpessimistische, wahlweise: -optimistische Medienklage ist vorgeschoben. Kein Smartphone beseitigt von sich aus die Regeln der deutschen Syntax und Orthographie, keine App widerlegt den Teufelspakt Fausts. Wer die Normativität des Faktischen beschwört, behauptet nur das Faktische als Norm und verwechselt Sollen mit Sein. Die wiederkehrenden Unsicherheiten entstammen anderen Zusammenhängen.

Ausgehend vom Namen des Faches lassen sie sich unschwer identifizieren. In der Zeit des Nationalsozialismus firmierte die Germanistik bekanntlich als Deutschwissenschaft und Deutschkunde. Und bis auf den heutigen Tag bildet das Fach – das ist seine zentrale gesellschaftspolitische Aufgabe – Lehrer in einem Fach namens „Deutsch“ aus, in dem Schülern unterschiedliche Redeformen und Stilebenen des Deutschen, Präzision im sprachlichen Ausdruck, Grammatik und Rechtschreibung nähergebracht werden, nicht zuletzt anhand literarischer Texte, in denen die Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache ausgelotet werden.

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Deutschkunde, die schwer im Nacken hängt

Es geht also ums Deutsche – und um das historisch anhaltende Unbehagen daran. In den akademisch-germanistischen Selbstzweifeln stehen nicht Medientechnologien und Lesegewohnheiten zur Debatte. In Frage steht vielmehr das Verhältnis des Faches zur Frage des Nationalen. Sachlich geht es um die Rechtfertigung der Beschränkung der Disziplin auf die deutsche Sprache und Literatur, auf deutsche Kultur und deren Geschichte, kurz, um die Privilegierung des nationalen Eigenen. Und die entsprechenden Fragen lauten: Soll man die Literatur nicht sinnvollerweise der Weltkultur und Weltgeschichte einzeichnen, statt sich einseitig auf deutsche Dinge zu beschränken? Muss man sie nicht begreifen als Teil größerer, universaler Zusammenhänge und globaler Prozesse? Wieso nationale Literaturgeschichten veranschlagen, wenn doch evident ist, dass die Literaturen und die Sprachen je schon in einem ständigen Wechsel- und Austauschverhältnis zueinander stehen, dass Goethe Hafis und Boccaccio wesentlich näher steht als Kolbenheyer und Frenssen? Und muss man angesichts der Tatsache, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der gegenwärtigen Deutschen mittlerweile über nicht-deutsche kulturelle Hintergründe verfügt, dieselben Hintergründe nicht in einen neuen, (post-)nationalen Kanon integrieren und auf die Betonung der historischen deutschen Kultur verzichten?

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Transnationale Germanistik

Vor dem Hintergrund solcher Fragen wird die Sinnkrise der neugermanistischen Literaturwissenschaft verständlich. Sinnvoller wird sie dadurch allerdings nicht. Zum einen schließt die Beschäftigung mit der deutschen Literatur weltliterarische Zusammenhänge nicht aus, sondern ein. Wer Stefan George liest, sollte sinnvollerweise auch Mallarmé und Baudelaire lesen; wer Kleist liest, der sollte auch die Verfassung Haitis kennen. Das Studium der deutschen Literatur ist nicht per se mit einer arroganten Feier des Eigenen zu Lasten des Fremden verbunden. Das Gegenteil ist der Fall. Zum anderen beseitigt die Aufhebung der deutschen Literatur in der Weltliteratur und der Verzicht auf eine dezidiert deutsche Literaturgeschichte nicht die Tatsache ihrer historischen Existenz weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart. Sie zelebriert stattdessen lediglich die ebenso mutwillige wie kurzsichtige Leugnung des Nationalen und seiner Geschichte, die man sich natürlich gern anders gewünscht hätte.

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Schiller-Fans in Ludwigsburg

Hinter der mittlerweile selbst unter Germanisten kursierenden Behauptung, die Zeit der Nationalphilologien sei vorbei, verbergen sich bei genauerem Hinsehen nichts als fromme Wünsche: erstens der Wunsch, das Deutsche hätte in der jüngeren Vergangenheit doch bittschön weniger verbrecherisch sein sollen, als es war, zweitens der Wunsch, die unselige Deutschtums-Vergangenheit könnte man durch die nachträgliche Leugnung weniger kriminell aussehen lassen und locker umfrisieren, drittens der Wunsch, der nationalstaatlichen Gegenwart mitsamt ihrer Geschichte durch sture Verneinung zu entkommen. Der Witz könnte im Freudschen Lehrbuch stehen. Fragt jemand einen aufgeklärten Germanisten, der tagein tagaus Deutschlehrer ausbildet, nach dem Deutschen, bekommt er unverzüglich zur Antwort: „Papperlapapp, gibt’s nicht! Haben wir nicht! Und außerdem war es früher nicht so gemeint!“ Und dann wird derselbe Germanist, am besten auf Harvard-Amerikanisch, dozieren über: Welt, Europa, Kosmopolitismus, globale Zusammenhänge, imaginäre Identitäten, Alterität, Hybridität, postkoloniale Kulturen, dritte Räume. Kein nationales Wässerchen wird das staatlich umsorgte Beamtenauge trüben.

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Da bleibt kein Auge trocken!

Sinnigerweise gibt es diese penetrant nachträgliche Besserwisserei besonders intensiv in Deutschland. Anderswo, in Polen, Spanien oder Algerien zum Beispiel, gibt es nationale Geschichte, Kultur und Literatur ohne missionarische Leugnung, ganz zu schweigen von Russland oder Frankreich, Ägypten oder Georgien. Sie werden von den entsprechenden Nationalphilologen ohne Unterlass beschrieben, permanent konstruiert und rekonstruiert, interpretiert und re-interpretiert. Genau dafür werden die Philologen bezahlt, mitunter auch böse angefeindet und verfolgt: dass sie Mythen, Lebensformen, Sprachgewohnheiten, der die Gegenwart aufruht, erschließen und sozial vermitteln. Der Sinn der permanenten Konstruktionen und Rekonstruktionen besteht darin, Sprache und Kultur einsichtig zu machen, historische Zusammenhänge (mitsamt Fälschungen, Verdunkelungen, Zensuren, Gegenerzählungen) zu verdeutlichen, die Bedeutung von Begriffen und Institutionen herauszuarbeiten und ihren Zeitgenossen einen bewussten Zugriff auf die historischen, politischen und kulturellen Zusammenhänge zu ermöglichen, in und mit denen sie leben müssen. Mit anderen Worten, die Nationalphilologie produziert kritisches Orientierungswissen und Debattenspielräume, erinnert an die Herkunft dessen, was die politische und kulturelle Gegenwart ausmacht, und schärft das Urteils- und Handlungsvermögen.

Es ist nicht einzusehen, weswegen das hierzulande anders sein sollte – falls es denn anders sein könnte. Etwas anderes als einzelsprachliche Literaturen, wie hybrid und bunt zusammengestückelt auch immer, gibt es nicht. Leugnungen helfen nicht weiter. Und am allerwenigsten helfen sie bei dem Unternehmen, ein distanziertes Verhältnis zu dem zu gewinnen, was geleugnet wird. Hinter dem germanistischen Jammern über das Nationale und dessen besserwisserischer Verabschiedung verbirgt sich zuletzt nämlich auch noch etwas anderes, nicht so Nettes: die (klebrige) Identifikation mit dem Bejammerten und Verabschiedeten nämlich. Als ob es noch immer keine andere Nationalphilologie geben dürfte als die der wilhelminischen Nationalphilologen, kein anderes Deutsch als das der Nazi-Deutschkundler und -Deutschwissenschaftler.

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Le style, c’est l’homme!

Der Schluss lautet aus genau diesem Grunde gerade nicht, dass die Nationalphilologie passé wäre. Unbrauchbar und sinnlos ist vielmehr eine Nationalphilologie, die jede Nationalphilologie in einer Schnur und Tour leugnet und permanent so tut, als ob Weimar in Persien läge und Berlin in der Provence. Das sieht man in Aix und Isfahan anders. Sinnvoll wäre vielmehr eine Nationalphilologie, die sich der Durcharbeitung der eigenen Geschichte und der kontroversen Neuinterpretation des kulturellen Erbes widmet.

Genau das tun im Übrigen auch, wenn sie nicht gerade an der sinnlosen Sinnlosigkeit ihres Faches leiden, deutsche Germanisten.

 

 

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