Die Normalisierten

Randnotiz zum deutschen Retro-Nationalismus

Es gab Zeiten, da schämte man sich gelegentlich dafür, Deutscher zu sein. Im europäischen Ausland – Österreich zählte aus den historisch bekannten Gründen nicht dazu – konnte es immer wieder vorkommen, dass man Menschen begegnete, die böse Erfahrungen mit den Deutschen gemacht hatten. Sie gaben einem zu verstehen, dass man in La Rochelle, Dubrovnik oder Rotterdam nichts zu suchen habe und dass sie von den „Achtung-“ und „Jawoll“-Schreiern, ob jung oder alt, die Nase voll hätten.  Nur die dümmsten hässlichen Deutschen, von denen es nicht wenige gab und für die man sich ebenfalls schämte, besaßen in solchen Situationen die Unverschämtheit, von den alten Geschichten nichts mehr wissen zu wollen. Alle anderen – und das war in Deutschland Ost und West bis ins Jahr 1990 die Mehrheit – wussten, woher das Misstrauen und die Verachtung kamen. Deutsch war die Sprache der Mörder. Vor allem aber wusste man, dass die Ablehnung gerechtfertigt war. Es gab auf Seiten der Besiegten, Überfallenen, Verfolgten, Deportierten, Gefolterten nichts zu vergessen, geschweige denn zu verzeihen.

Die Deutschen hatten sich, wie Gottfried Benn formulierte, benommen wie die Schweine, und der Personalausweis wies einen als deren Nachkomme aus. Man war nicht schuld, hatte aber die Folgen der Verbrechen zu tragen. Das konnte man sich nicht aussuchen. Was sich daraus ergab, war die politische Verantwortung für die Gegenwart, in der es die Verbrechen – allen Lügnern, Leugnern, Verharmlosern zum Trotz – anzuerkennen und die Möglichkeitsbedingungen staatlich organisierter Kriminalität nach bestem Wissen zu verhindern galt. Deswegen ergab sich daraus auch die Verpflichtung, die Frage nach denselben Möglichkeitsbedingungen staatlicher Verbrechen immer wieder zu stellen, das heißt, die deutsche Geschichte im Hinblick auf die Nazi-Katastrophe durchzuarbeiten – nicht um die Vergangenheit, die sowieso nicht mehr zu ändern war, in immer kleineren Details sauber bürokratisch auf- und abzuarbeiten (womöglich um Opferklagen abzuwehren), sondern um die Gegenwart vor jenen Tabubrüchen zu schützen, die Nazi-Deutschland zwölf Jahre lang begangen und in denen es sich genüsslich gesuhlt hatte. 

Die Zeiten haben sich geändert. Die bösen Bemerkungen im Ausland sind so selten geworden wie das Gefühl der Scham. Die sogenannte „Gnade der späten Geburt“ (als ob nur ein göttlicher Gnadenakt jemanden davor hätte bewahren können, Nazi zu werden) hat sich wie aus riesigen Sprenkleranlagen über die Zeitgenossen ergossen. Die Erinnerung an den deutschen Horror ist affektiv verblasst. Für die meisten stammt das Grauen aus einer fernen Vorzeit, die einen „persönlich“ sowieso nichts mehr angeht. Die Nachkriegsgenerationen, zumal die, welche die beiden deutschen Nachkriegsstaaten nur noch aus ideologischen Heldensagen kennen, fühlen sich inzwischen so normal, europäisch, zivilisiert wie der Rest der Welt auch, nicht besser, vor allem aber: nicht schlechter.

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Das neue deutsche Normalitätsgefühl hat Folgen. Unter anderem hat es eine historiographische Tendenz in Gang gebracht, welche die deutsche Geschichte derart umschreibt, dass die Jahre zwischen 1933 und 1945 wieder als rätselhafte Ausnahme oder als „Betriebsunfall“ (um die alte Formel Fritz Fischers zu benutzen) in einem ansonsten völlig normalen Land erscheinen. Oder aber man betrachtet die NS-Katastrophe als Teil einer größeren, allgemeingeschichtlichen Bewegung des furchtbaren 20. Jahrhunderts, wo die einen so barbarisch waren wie alle anderen auch. Was die Herkunft des NS-Regimes im Speziellen angeht, so neigt man zu der Ansicht, dass Hitler die Macht 1933 nur aufgrund einer extrem unwahrscheinlichen Verkettung von äußerst unwahrscheinlichen Ereignissen hätte übernehmen können, vom Börsenkrach 1929 bis zum „Preußenschlag“. Auf jeden Fall, darin ist man sich einig, hätte alles auch ganz anders kommen können. Die damit einhergehenden Thesen lauten: Nein, einen deutschen „Sonderweg“ in den NS-Staat hat es nie gegeben (auch wenn die preußische Geschichtsschreibung seit dem 19. Jahrhundert auf einem deutschen Sonderweg gegen falsche, vornehmlich französische und englische Ideen mit Nachdruck bestanden hat). Das Zweite Reich und die Weimarer Republik (mitsamt Antidemokraten) waren genauso normal wie alle anderen Reiche und Republiken in Europa auch. Denn erstens – so die Begründung – waren Demokratien nach 1919 in Europa generell die Ausnahme; zweitens waren sie allesamt nationalistisch, rassistisch, kolonialistisch; drittens gab es sowieso überall Antisemitismus. Und war es umgekehrt nicht so, dass der deutsche Parlamentarismus schon im Kaiserreich nachgerade vorbildlich war? Waren die Hohenzollern etwa weniger fortschrittlich als die Windsors, von den Romanovs ganz zu schweigen? Und schließlich muss man den Nationalsozialismus als Teil des großen europäischen Faschismus begreifen.

Je differenzierter und vergleichender der Blick auf die deutsche Geschichte ausfällt, desto biederer schaut sie schon zurück. Aus der Perspektive der neuesten Geschichtsschreibung drängt sich der Eindruck auf, dass es sich beim Dritten Reich im Grunde nur um die äußerst unglückliche Unterbrechung einer insgesamt ehrenwerten Geschichtsentwicklung gehandelt hätte. Der Vorteil der These liegt auf der Hand. Der Hitler-Staat hat damit nur noch sehr zufällig und nur sehr beiläufig mit ideologisch-politischen deutschen Traditionen aus der Vor-Nazi-Zeit zu tun. Wissenschaftlich überwunden sind damit die altertümlichen Vorstellungen (die auch in DDR-Geschichtsbüchern noch verbreitet waren), denen zufolge Untertanenstaat, überlebter Feudalismus, Militarismus, Weltmachtstreben, „Hunnenreden“, Kriegslüsternheit, die Ablehnung demokratischer Ordnungen Merkmale des Deutschen und Wegbereiter des Dritten Reiches gewesen wären. In Wirklichkeit, so die neuere Geschichtsschreibung, lagen die Dinge viel komplizierter, differenzierter, vielfältiger, verschachtelter, uneindeutiger, komplexer und vor allem eben: entschieden vergleichbarer und normaler. Weltmachtstreben gab es nicht nur in Deutschland, sondern auch in England, Frankreich, Russland; der Untertanenstaat war eine grobe satirische Überzeichnung Heinrich Manns; eugenischen Rassismus hatte es auch in den USA oder in Schweden gegeben; kriegslüsterner Revanchismus findet sich auch in der dritten französischen Republik. Kurzum, je genauer die normalisierende Historiographie hinsieht, desto fremdartiger nimmt sich das NS-Regime in der deutschen Geschichte aus.

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Der Normalisierungswunsch ist psychologisch verständlich. In der Sache ist er trotzdem nicht zu halten, und zwar deswegen nicht, weil er auf Kosten der historischen Tatsachen geht. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Der Nationalsozialismus ist integraler Bestandteil der deutschen Geschichte, und er war nicht normal. Wer das Gegenteil behauptet, muss sich Pasolinis Salò in Dauerschleife ansehen. In der Sache unhaltbar ist der Wunsch aber auch deswegen, weil er wider besseres Wissen Institutionen und deutsche Traditionen aus der Komplizenschaft mit dem Nationalsozialismus herausnimmt, die sich seinerzeit problemlos mit ihm arrangiert, ja die sich freudestrahlend „gleichgeschaltet“ haben: Burschenschaften, Kirchen, die Reichswehr, der Adel, die Rechtspflege, Universitäten, Jägervereinigungen, Industriellenclubs usw. Dass es von Seiten der traditionellen deutschen Institutionen, Verbände, Vereine, Berufsgruppen zum politischen Widerstand gegen das Hitler-Regime gekommen wäre, lässt sich nicht behaupten. Das Gegenteil ist wahr. Die Augen der deutschen Frauen, Jäger, Offiziere, Richter, Pastoren, Fabrikanten, Burschenschaftler, Ingenieure, Ärzte leuchteten, wenn sie Hitler-Reden hörten. Und wenn sie 1933 noch nicht leuchteten, so leuchteten sie schon wenig später. Die große Mehrheit – allen für jedermann sichtbaren Verfolgungen, Inhaftierungen, Ermordungen zum Trotz – begriff den Nationalsozialismus nicht als monströses Verbrechen und politischen Wahnsinn, die deutsche Industrie so wenig wie die Richterschaft, die Bauernverbände ebenso wenig wie die Preußische Akademie. Wenn sich etwas nicht behaupten lässt, dann der Satz, dass in Deutschland 1933 ein Bürgerkrieg ausgebrochen wäre und sich umgehend republikanische Brigaden gebildet hätten.  

Darüber hinaus trägt der Wunsch nach Normalisierung nicht das Geringste zur Erklärung des NS-Horrors bei. Im Gegenteil. Je normaler die deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts präsentiert wird („wie alle anderen auch“), desto rätselhafter wird das NS-Regime. Bald erscheint es als singulärer, katastrophaler Unfall, bald als Teil einer allgemeinen Welt-Tendenz. Man bemüht dann, wie gesagt, unglückliche Konstellationen, Unwahrscheinlichkeiten, Zufälle, die Verkettung tragischer Umstände, umgeht aber die ziemlich naheliegende Frage, ob es für die sich tragisch verkettenden Unwahrscheinlichkeiten, Konstellationen und Umstände nicht vielleicht doch historische Gründe gab (Sonderwegsthesen, Reichsträume, Ur-Volk-Phantasien zum Beispiel). Anstatt aus dem NS-Regime ein erratisches Monstrum in der deutschen National-Geschichte zu machen, wäre es logisch zweifellos sinnvoller, dasselbe Monstrum – das als solches im Übrigen erst nach der Niederlage von 1945 bewusst wurde – in seiner lange vor das Jahr 1933 zurückreichenden historischen Genese zu untersuchen, also nach wie vor nach jenen „Elementen und Strukturen“ zu fragen, die tragend für es waren und die im Spätherbst 1932 nicht einfach aus dem Himmel über Berlin gefallen sind.

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Die Frage nach den längerfristigen geschichtlichen Strukturen ist insofern dringlich, als es im Zuge der forcierten Normalisierung der deutschen Geschichte für die jüngeren, schambefreiten Deutschen mittlerweile wieder selbstverständlich geworden ist, Begriffe aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ohne jede historische Scheu, womöglich auch ohne genauere Kenntnis zu benutzen, das heißt, radikal abzusehen von ihrer Verwendung im Dritten Reich. In der deutschen Germanistik wird neuerdings zum Beispiel – als wäre nichts geschehen – umstandslos von Erlebnissen, Stimmungen, Weltanschauungen, mitunter auch von Abendland und Gemeinschaft gesprochen. Anstatt zu fragen, was den alten, aus der Zeit vor dem Dritten Reich stammenden Erlebnisbegriff für die NS-Germanistik so attraktiv gemacht hat, weswegen er für die Beschwörungen der Mächte des Bluts und der Rasse so geeignet war, inwiefern er sie vielleicht sogar mit auf den Plan gerufen hat, geht es umgekehrt darum, das „Erlebnis“ als nazi-freie philologische Kategorie wieder „für sich“ zu entdecken und an eine große deutsche Tradition aus der Zeit vor 1933 wieder anzuschließen. Dass dieselbe „große Tradition“ sich nach 1933 genau dadurch auszeichnete, sich problemlos in die wüsten Blubo-Feiern einzureihen, bleibt vergessen. Gegebenenfalls wird der Umstand mit dem Argument geleugnet, man müsse hier genauer differenzieren, Komplexitäten beachten, Kontigenzen bedenken, das eine sei eben nicht das andere. Mit der unbefangenen Restauration des Erlebnisbegriffs jedenfalls geraten die Jahre zwischen 1933 bis 1945 zur konfusen Parenthese in einer ansonsten hellen und lauteren deutschen (Philologie-)Geschichte. In der Geschichtswissenschaft ist es nicht anders. Dort lassen sich schon seit längerem die preußischen Tugenden hochhalten, die kulturellen Leistungen des ostelbischen Adels oder der Hohenzollern anerkennen, schlagende Burschenschaften als Speerspitze der Demokratisierung in Deutschland begreifen, das Alte Reich als politisches Vorbild dem Rest Europas anempfehlen – ohne dabei je einen Gedanken ans Dritte Reich verschwenden zu müssen.

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Was anderswo „konservativ“ und „bürgerlich“ heißt, ist damit, so glaubt man, auch in Deutschland wieder möglich geworden. Man sei endlich wieder „normal“, befreit vom schlechten Geruch der zwölf erratischen Jahre. Die angestrengte, Normalisierung hat, mit anderen Worten, dazu geführt, die Frage nach den historischen Möglichkeitsbedingungen der NS-Verbrechen und nach den Implikationen bürgerlicher deutscher Traditionen folgenlos einzustellen und das Dritte Reich in die endgültig vergangene Vergangenheit abzuschieben, in irgendeine dunkle Ecke zwischen Alexander und Konradin. Damit aber ähneln die jüngsten, national durchnormalisierten Deutschen – auch wenn sie es vermutlich nicht wissen – den hässlichen dümmsten Deutschen von gestern, die die bösen Blicke der Verfolgten mit Ignoranz, Genozid-Vergleichen und Klagen über die verlorenen Ostgebiete oder Kriegsverbrechen der Alliierten quittierten. Die Lebenslüge der deutschen Normalisierung wird dadurch nicht kleiner. Nur weil man die Augen ganz fest schließt, verschwinden die Dinge nicht, die man nicht sehen will. Und nur weil man – begossen von der Gnade der späten Geburt – in einem normalen demokratischen Land aufgewachsen ist, verschwinden die historisch-politischen Implikationen der Begriffe noch nicht, die man glaubt garantiert nazifrei restaurieren zu können. Ein anderer Name dieses Glaubens ist „politische Verantwortungslosigkeit“. Dass sie in Deutschland große Tradition hat, wusste ausgerechnet der Lieblingsautor des gediegenen Bildungsbürgertums. Er warnte schon 1923 davor.

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