DIE 13-VIERTELTE WALPURGISNACHT

13. Szene

Eine der Schalek nicht unähnliche, vollstudierte Germanistin, Dr. Helga Weidmann (Mädchenname: Trulla Bernwilda Helga von Grossassickstorff), rauscht im Büro eines renommierten deutschen Verlages auf, in dem sie darauf besteht, dass Heines Romantische Schule hinsichtlich des wissenschaftlich-methodisch gesicherten Reflexionsniveaus „tatsächlich“ nur mit dem von ihr verfassten, die Motive und Kontexte der Heineschen Schrift noch einmal präzise ausleuchtenden NACHWORT erscheinen könne. Das sei man der Forschung, letztlich auch Heine schuldig. Der Verlag zeigt sich für die Argumente der Schalek-Grossassickstorff-Weidmann empfänglich und veröffentlicht noch im Jahre 2006 die Romantische Schule mit den folgenden, Heines Darstellung, wie gesagt, präzise ausleuchtenden Ausführungen. Ein Licht wie aus einer der tausendjährigen Glühlampen des Phoebuskartells.

„Heines Kenntnisse der deutschen Literatur waren nicht sehr gründlich, konnten es auch kaum sein. Während seines Studiums (Winter 1819 bis Sommer 1825), das offiziell ein rechtswissenschaftliches war und mit einer mäßigen juristischen Promotion abgeschlossen wurde, aber zugunsten anderer, vor allem literarischer Neigungen vernachlässigt worden war, hatte er zwar viele Anregungen, vor allem durch seine Lehrer A.W. Schlegel, Friedrich Benecke, Franz Bopp und Hegel, aber neben seiner eigenen literarischen Produktion (Gedichte, die beiden Tragödien Almansor und Ratcliff, Briefe aus Berlin, Die Harzreise und weiteren kleineren Zeitschriftenbeiträgen) und zweitweise ausgiebig gepflegtem geselligem Leben kaum Zeit für eine systematische, gründliche Kenntnisse und Einsichten vermittelnde Lektüre gefunden. Und die folgenden Jahre waren ausgefüllt mit verstärkter schriftstellerischer Tätigkeit, Reisen und der Suche nach einer geeigneten Anstellung, die sowohl seinen Neigungen als auch seinen finanziellen Bedürfnissen hätte gerecht werden können. Zwar scheinen sehr viele Bücher durch Heines Hände gegangen zu sein – allein für die Göttinger Studienzeit lassen sich etwa sechzig, verschiedene Fachgebiete betreffende Entleihungen aus der Universitätsbibliothek nachweisen, auch enthalten die Briefe zahlreiche Lektürehinweise –, aber offenbar dienten sie selten zu mehr als diagonalem Lesen und Durchblättern. Von nur wenigen in der Romantischen Schule genannten Werken hat man den Eindruck, dass Heine sie aus eigener Lektüre wirklich kannte. Das meiste scheint er aus zweiter Hand gewusst zu haben, aufgrund mehr oder weniger lebendiger Erinnerung an gehörte Vorlesungen, an Diskussionen mit Studiengenossen und Literaten-Kollegen, an Salon-Gespräche, vor allem in Berlin, jedoch mit einem hervorragenden Gedächtnis für alle Details, die zu witzig polemischen Ausfällen gegen Personen verwendet werden konnten, aufgefrischt durch Handbücher und Literaturgeschichten, die ihm auch in Paris zur Verfügung standen. Bezüglich des Umfangs seiner Kenntnisse und des Reflexionsniveaus wurde er von vielen seiner Zeitgenossen übertroffen.

[…]

Vom Anfang seines schriftstellerischen Auftretens an zeigte er keckes Selbstbewusstsein, das sich je länger, je mehr zu maßloser Selbstüberschätzung steigerte, nachdem A.W. Schlegel sich von ihm distanziert, Goethe die erwartete Anerkennung für die frühen Gedichte und die Tragödien verweigert hatte, die Etablierung als Professor in München gescheitert war und die Reisebilder ihn in der deutschen Presse zu einem der umstrittensten Literaten hatten werden lassen. Er machte in unbekümmerter Simplifizierung der Zusammenhänge, Goethe, die Romantiker und die idealistischen Philosophen für den Sieg der Restauration verantwortlich, was ihn der Mühe enthob, sich mit ihren Theorien auf gleichem Reflexionsniveau inhaltlich auseinanderzusetzen, und ihm bequeme Rationalisierung seiner Gefühle aus verletzter Eitelkeit ermöglichte. Die Methode der Auseinandersetzung mit dem Gegner empfahl Heine weiter an Laube: kompromittierende Fakten sammeln für eine Biographie, die Person herabsetzen, verkleinern, lächerlich machen. Dass Heine auf diese Methode verfiel, wird verständlicher, wenn man Details seiner eigenen Biographie beachtet, vor allem die Einschränkungen und Demütigungen, die er als geborener Jude erleiden musste, und die familiären Verhältnisse mit der demütigenden finanziellen Abhängigkeit von dem reichen Hamburger Bruder seines Vaters.“

Helga Weidmann: „Nachwort“, in: Heinrich Heine: Die romantische Schule. Kritische Ausgabe, hrsg. v. Helga Weidmann, Stuttgart : Reclam 2006 [1. Aufl. 1976], S. 432-435.

Hurra und Weidmanns Heil! Ein sauberer Blattschuss (im Dienst der Hege und Pflege des einheimischen Literaturbestands)! Seither ist das Reflexionsniveau, das Heine schon damals unterbot (Kenntnisse aus zweiter Hand, verletzte jüdische Eitelkeit, Bequemlichkeit, Faulheit, Oberflächlichkeit usw.) immer weiter angestiegen und die Heine-Frage ihrer wissenschaftlichen Lösung zugeführt. Der Sagenkreis des Deutschtums bewegt sich wieder ungestört im Durcheinander von Kyffhäuser und Kaufhäuser, wenngleich mit leichtem Vorteil für die Kaufhäuser. Was aber den Kyffhäuser nicht anfechten tut! Denn –

(Verwandlung)

14. Szene

Mai 2021, ein Marktplatz in Thüringen. Björn „der Recke“ Höcke wedelt der Weidel, die in einem BMW X5 vorfährt, einen deutschen Gruß zu. Mit schneidigem Trotz (und einer Träne im Auge) scheppert’s in die helle, smartphone-bewehrte Schar: „Man wird, liebe Freunde, in unserem Deutschland ja wohl noch grüßen dürfen! Nein, das können sie uns nicht nehmen!“

Fortsetzung folgt.

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