Schiffbruch im Rhizom

 

Ein schneller Zeitgeschichtsblick zurück.

Die Boomer gehen in Rente und versuchen wie Scheherazade, die Zeit ein bisschen anzuhalten. Sie erzählen gern vom „Herbst der Theorie“ (Poppenberg) oder vom „Wiedersehen mit den Siebzigern“ (Raulff), also davon, wie sie jung und wild und post-strukturalistisch waren: das Negative der negativen Theorie wegfeierten, sich über K-Gruppen schlapp lachten, Joints bauten, Rhizome bildeten, Häuser besetzten und die Glitzerwörter aus dem Merve-Verlag verschlangen: Diskurs, nomadisches Denken, Dispositiv, Rhizom, Simulakrum, Simulation, Dissemination, Schizo, Wunschmaschine, Intensitäten, Mikrophysik der Macht, Patchwork, Kool Killer, das Geschlecht, das nicht eins ist… Das klang, zugegeben, fröhlicher als „Verblendungszusammenhang“, „tendenzieller Fall der Profitrate“, „Kaderschulung“, „Hauptwiderspruch“, „Selbstkritik“, zu schweigen von „Bitterfeld“ oder „Bautzen“.

***

Es waren schöne Zeiten damals, mitten im Kalten Krieg, als in den west-deutschen Universitätsstädtchen tausende von Post-dies-und-post-das-Blümchen zu blühen begannen. Die Butzenscheiben leuchteten, Räucherstäbchen dampften, orientalische Düfte waberten über die Marktplätze. Es gab Jongleure, Taugenichtse, Hexen, Wandervögel, Gaukler, und alle riefen das Ende des Menschen aus. Niemand musste Foucault gelesen haben, um die Botschaft zu verstehen: Ja, klar, er würde demnächst verschwinden, der alte Mensch (mit Krawatte, Bügelhemd und Aktenmappe), „wie ein Gesicht im Sand am Meer“. Und dann würde auch niemand mehr andere Leute mit Identitätsfragen belästigen, vor allem nicht mit Fragen nach der deutschen. Freedom is just another word for nothing left to lose. “Identität“ war eine paranoide Vokabel für Staatsschützer, Drogenschnüffler, Polizisten (die „Bullen“ hießen), Bürokraten, KGB’ler, CIA’ler, Stasi-Offiziere. Paranoiker aller Länder vereinigt euch! Wir vervielfältigen und zerstreuen uns! Heute hier, morgen da. An unsere „devenirs“ kommt ihr nicht ran, ey!

In der alternativen Anders-Welt gab es Gegenöffentlichkeiten und Gegendiskurse, tausend-und-eine AG’s, WG’s, Komitees, Jours fixes, Treffs, linke Buchläden, Netzwerke, schamanische Traumzeiten, Landkommunen, Anti-Ödipus- und/oder Ästhetik-des-Widerstands-Lesegruppen, Nacktbadestrände, Demos, Flugblätter und permanenten Widerstand, und zwar gegen alles, was irgendwie mit Staat, Macht, Disziplin, Vorschriften, Verordnungen, Organisation, Hierarchie, Autorität usw. zu tun hatte. Das war alles des Nazi-Teufels! Die exorzistischen Formeln hießen: Bildet Banden! Tunix! Feuer und Flamme für diesen Staat! Anarchie ist machbar, Herr Nachbar! Schneller wohnen! Nie wieder Papa-Mama! Liebt euch wie Zottelbär und Zecke! Ni Dieu ni maître! Lest Zarathustra! Und Castaneda und Burroughs und Pirsig, Schreber, Hesse, Herrigel, Leary. Und so weiter. Und so fort.

***

So in etwa war das, als Oma und Opa Boomer jung waren, also bis etwa Mitte der 1980er Jahre. Denn plötzlich kam der alte, hässliche Mensch (mit Krawatte, Neurose und Aktenköfferchen) ganz jovial wieder um die Ecke. Die Bankangestellten hatten koksen gelernt, wurden machtgierig und starteten als „Golden Boys“ durch. Unter dem Pflaster lag auch nicht, wie erwartet, der Strand, sondern dort wurden Glasfaserkabel in die digitale Zukunft (der Tech-Konzerne) verlegt. Nach und nach verschwanden die Taugenichtse, Gegenöffentlichkeiten, Merve-Bändchen, Anarcho-Linken. Die Boomer verwandelten sich ihrerseits wieder in ordentliche Bürgerskinder zurück. Die einen landeten in den Wichtig-Wichtig-Medien, die anderen bei der Bertelsmann-Stiftung oder bei McKinsey, wieder andere in der Werbebranche, manche in der Politik, andere mussten sich ums Immobilienerbe kümmern, wieder andere richteten es sich in Lehrerzimmern und Universitäten ein. Die Schwerkraft der Klassenverhältnisse ließ sich sozusagen in Zeitlupe studieren.

***

Der Mauerfall 1989/90 gab dem Szene-Treiben endgültig den Rest. Da war sie wieder, wie aus dem Nichts, die blödsinnige deutsche Identität, und sie traf auf eine Generation, die tatsächlich nicht wusste, wie ihr geschah. Auf eine derart fürchterliche Wendung der Dinge war sie nicht vorbereitet, weder kognitiv noch begrifflich. Die Münder standen weit offen. Und heraus kam gar nichts. Das Wort führten stattdessen die paranoiden alten Herren, von denen man bis vor kurzem noch geglaubt hatte, sie seien so archäologisch wie der Eiserne Kanzler: Arbeitgeber- und Vertriebenenverbandssprecher, Polizei- und Kirchenpräsidenten, Konzernvorstände, die Bild-Zeitung, Conférenciers aus dem Privatfernsehen. An die Stelle von Ästhetik-Vorlesungen und Dialektik-Debatten traten Harald-Schmitt-Witze, Werbeclips, Zeitgeist-Magazine. Es hatte sich aus-rhizomatisiert und zu Ende dekonstruiert. Linksintellektuelle Begriffsklaubereien interessierten niemanden mehr, schon gar nicht französische, die sowieso kein Mensch (u.a. mangels Grammatik- und Vokabelkenntnissen) verstand. Es war vorbei.

Die reaktionären Fossile (mitsamt ihrer wohlstandsverhätschelten Enkelschar aus der Generation Golf und Pop-2-Fraktion) krochen aus ihren Löchern und schlugen umso erbarmungsloser zurück. Die Zukunft war so renditegierig und us-patriotisch wie zuletzt im Korea-Krieg. In allen deutschen Städten wurde ein Szeneviertel nach dem anderen weg- und hochsaniert, bis aus allen Hexen, Indienfahrern, Punkern vernünftige Eigentumswohnungsbesitzer mit Kreditverträgen und Anlageportfolios geworden waren. Oder gescheiterte Existenzen, Sozialfälle, Psychofreaks. Die 1990er Jahre wurden zum Jahrzehnt der großen kapitalistischen Umerziehung. Glücksrittertrecks zogen in den Wilden Osten und suchten das schnelle Geld; die indigene Bevölkerung wurde enteignet und in Reservate geschickt (um dort prompt deutsche Nazi-Folklore aufzuführen). Die Berliner Republik dröhnte sich gleichzeitig die Birne mit Friede-Freude-Eierkuchen zu, bumm-bumm-bumm-bumm, während die Universitäten mit Management-Theorien für die neue unternehmerische Welt umgerüstet wurden. Aus den Philologien wurden „cultural“, „gender, „postcolonial“ usw. „studies“, aus einem Studium der Erwerb von „skills“, aus Magistern „bachelors“, aus Noten „points“, aus Studentinnen und Studenten Hackfleisch für den Arbeitsmarkt. Das ging schneller, als die Generation gucken konnte (zumal sie jetzt mit Urlaubsplanung, Psychotherapie, Kindererziehung und anderen Privatkatastrophen ausgelastet war).

***

Und schon geht’s, wie gesagt, in die Rente. Tempus fugit. Oma und Opa Boomer erinnern sich gern und geben pompöse Weltweisheiten weiter. Die folgende zum Beispiel: „Die Generation der in den Fünfzigerjahren Geborenen ist aus der geordneten Welt gefallen; geblieben ist ihr ein elementares Nichtwissen.“ Gemeint ist mit dem „Nichtwissen“ der „intellektuelle Habitus, der elementare Mehrdeutigkeit, polyphone Strukturen und skeptisch grundiertes Nichtwissen in die begriffliche Eindeutigkeit, eindimensionale Verfassung und gläserne Transparenz der verwalteten Welt einführt und ein Muster für eine anspruchsvolle Form der Freiheit entwickelt“ – wobei das „Anspruchsvolle“ hauptsächlich darin zu bestehen scheint, dass man die Freiheit gar nicht richtig sieht und hört (vermutlich wegen ihres polyphon mehrdimensionalen Anspruchs). Das ist akademisch ganz akkurat formuliert. Aus der Syntax hört man trotzdem heraus, wie sehr Opa Boomer am Umstand seiner eigenen Gewesenheit und Bedeutungslosigkeit laboriert. Er ringt laokoongleich mit der Tatsache, dass er seit mindestens dreißig Jahren der ungeordneten Welt nichts zu sagen hat. Die schöne geordnete, in der deutsche WG-Diskussionen über den Pariser Linksradikalismus noch die weltgeschichtliche Bewegung vor sich hertrieben, ist ihm in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 abhandengekommen – was er aber erst später im Rückblick gemerkt hat.

***

Die Geschichte hat die Generation trotzdem nicht bestraft. Zwar haben sich die Rhizome und Ästhetik-des-Widerstands-Lesegruppen zerschlagen, das Neue Reich ohne Aktenköfferchen und Neurosen ist nicht gekommen. Immerhin sind die Pensionsansprüche aber geblieben. Und alles in allem haben die alten jungen Wilden auch einen „guten Job gemacht“. Denn während sie seinerzeit den Phallogozentrismus, das binäre Denken, den Essentialismus, den abgehalfterten Ost-Kommunismus und vieles andere mehr verabschiedeten, sich nächtelang über Dispositive, Simulakren und Ur-Spuren die Köpfe zerbrachen, hielten sie den Investmentbankern, Managementtheoretikern, Vertriebenverbänden und Arbeitsmarktreformern wunderbar den Rücken frei. Der Umstand, dass die Generation 1990 nichts, aber auch gar nichts zu sagen hatte, kam wie gerufen. Besser hätte es für die Damen und Herren vom Kartell gar nicht laufen können. Und dass die Boomer selbst im sentimental-nostalgischen Rückblick noch nicht auf die Idee kommen, dass ihnen die Wirklichkeit womöglich schon vor 1990 einigermaßen entglitten (wenn nicht: schnurzpiepegal) war, bestätigt ihre politisch ausnehmend erwünschte Realitätsblindheit einmal mehr. In der Tat, im Rückblick sieht alles aus „wie ein Gesicht im Sand am Meer.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s