Die 13-viertelte Walpurgisnacht. Folge 2

37. Szene

Studi-Treff, Ecke Lindenstraße-Traugottstraße. Ein Montag im Frühsommer 2021. Es ist irre heiß. Trulla Bernhild Constanze von Grossassickstorff, genannt: „Bernie“, D&G-Sonnenbrille, Hoka-Sneakers (blau), löchrige, kurze Jeans, Masterstudium „Media Culture Affairs“ (am Institut für deutsche Philologie), nestelt mit der linken Hand an ihrem BOSE-Earbud, hält mit der rechten einen XXL-coffee-to-go-Pappbecher. Ronja Trömmelspacher, genannt: „Ron“, ebenfalls im Master „Media Culture Affairs“, tippt ihr sanft von hinten auf die Schulter.

Ron (fast flötend): „Eyiih, Bernieee!“

Bernies Milchkaffee schwappt nach vorne auf den Gehweg. Klatsch-Platsch! Eine Riesenlache. Es ist aber nichts passiert.

Bernie: „Ey ?!?“ Dreht sich um. „Geht’s n – ?“

Ron: „Sor-ry!“ Lacht Bernie breit an.

Küsschen links. Dann rechts. Bernie sofort wieder glücklich. Die beiden ziehen los. Ein Hund an der Leine schnüffelt blödsinnig an der sich ausbreitenden Lache. Ron und Bernie gehen die Traugottstraße hinunter in Richtung Smoothie-Veggie-Bar „Love-kills-capitalism“.


Ron: „Sag‘, endlich zufrieden mit Rapunzelchen?“

Bernie: „Frag mich was Besseres“

Ron: „Bernie, echt!! Der Vortrag ist seit einer Woche fertig. Du übertreibst soooo krass!“

Bernie: „Nö. Am Donnerstag bin ich um 15.15 Uhr direkt nach der Inderin dran.“

Ron: „Und?! Ist doch cool. Delhi iss so strange. Über was redet die?“

Bernie: „Gender of Hair“

Ron: “Uuund? Passt doch total gut zu ‚Scham und Haare‘.“

Bernie: „Aber ‚Verflochtenheit von Motivsträngen, Celan und Jelinek…‘? Find‘ ich irgendwie zu brav. Und die macht dann todsicher – ich weiß es! – was total Catchiges. Wie sieht’n das dann aus?!“

Ron: „Bernie, de-fi-ni-tiv: Es passt! Mach dir keinen Kopf! Alles gut.“

Bernie: „Außerdem muss ich am Weekend nach Treuchtelsbronn wegen Oma, die ihren neunzigsten feiert. Mit Mum und Hellmuth. Ich hoffe, die kriegen sich nicht alle wegen der Stiftung wieder in die Haare. Dabei find ich Oma sooo cool, dass die die Renaturierung der Würmel gegen die Idioten durchgesetzt hat. Die iss von den Nazis einbetoniert worden, das ganze Tal, mit Zwangsarbeitern. Voll hässlich alles.“

Ron: „Soll die family doch rumhonken, wie sie will. Kann dir doch egal sein.“

Bernie: „Aber es nervt. Und dann fangen sie wieder an, wie’s an der Uni läuft. Und wenn ich vom Workshop am Donnerstag erzähle, klar, dann kommen garantiert blöde statements. Und die Inderin stresst halt auch. ‚Motivstränge’ klingt so total langweilig. Celan ist ja schon super grenzwertig. Ich weiß nicht, warum die Schalek so drauf abfährt.“

Ron: „Hör mit der Inderin auf. Die tut dir nix. Außerdem passt „gender of hair“ total logisch vor „Scham und Haare“. Die Schalek weiß immer, was sie tut. Die hätt‘ dich bestimmt nicht in das Panel gesetzt, wenn sie nicht überzeugt wäre, dass es ganz genau passt. Den Graduate-Platz kriegst du, betcha! 

Sie schaut aufs iPhone, wischt mehrmals nach oben, liest aus Bernies Text vor:

Ron: “Hair is fundamentally characterized by its precarious and mutinous materiality, which subverts conventionalized dichotomies between the passive and the active. In this capacity, it also serves as a mediator of aesthetic reflection and formalization.”

Wischt und liest weiter:

“Be it knotted, cut or curled, braided, shaved or covered, head and body hair figure as a discursively overloaded site of poetological reflection, narrative composition or experiments in literary genre. One of the basic premises of my paper is that hair constitutes an interface between body aesthetics and issues of plot and narrative synthesis.”

Kurze, beeindruckte Pause.

“…hair as a disruptive literary factor.”

Bernie, echt! Das ist voll gut! Deswegen hat die Schalek ja auch dich und nicht mich genommen.“

Bernie: „Ok. Die Inderin stresst auch nicht wirklich, es ist hauptsächlich das Oma-Date. Die Bad Homburger, Tante Lizzie und die ganze Brut, kommen auch, und die werden sich wieder total peinlich an Oma ranschleimen – wegen ihrer idiotischen „Fortschnitts“-Salonkette, die unbedingt weiter e-x-p-a-n-d-i-e-r-e-n muss. Mit Omas Kohle. Das ist sooo widerlich!“

Ron: „Du Arme! Aber gib zu, irgendwie isses schon witzig, dass du ne disruptive haircutter-family in der Verwandtschaft hast. Ich mein’…

Bernie: „Sag mal, geht’s noch, du… du…

Sie reißt Ron im irren tragischen Zorn ein ganzes Haarbüschel aus.

Ron: „Eyyyyy!!! Sooooorry !!!?



(Verwandlung)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s