Die Unverfrorenheit der späten Geburt

Pünktlich zum 60. Geburtstag ist es endlich heraus: Asterix und Obelix sind alte, weiße, ethnozentrische Männer, Rassisten, Kolonialisten, Täter, die sich als Opfer ausgeben. Entdeckt hat die dunkle Wahrheit der im Fach Amerikanistik promovierte deutsche Schriftsteller Florian Werner, Jahrgang 1971, der nach eigenem Bekunden des Französischen nur bedingt mächtig und die Abenteuer von Asterix und Obelix deswegen vermutlich auch nur mit großer Mühe im Original gelesen hat. Falls überhaupt. Das macht aber nichts. Die Wahrheit liegt sowieso abholbereit auf dem Gemeinplatz.

Zitat (O-Ton): „Mit ‚Asterix‘ wurde der Kampf um Dekolonisation, der 1961 südlich des Mittelmeers tobte, zu einer rein innereuropäischen Angelegenheit: Hier kämpfen ‚Weiße‘ gegen ‚Weiße‘. In diese ethnozentrische Logik passt, dass die Darstellung afrikanischer Menschen sich großzügig aus dem Fundus rassistischer Stereotype bedient. Man denke an den Numiden Duplikatha aus ‚Die Trabantenstadt‘, der es trotz Zaubertrankgabe vorzieht, im Status der Sklaverei zu verharren. Oder an den Boy im Mastkorb des Piratenschiffs, der kein ‚R‘ sprechen kann und beim Anblick der Gallier stets in debiles Stottern gerät. Vor allem aber erlaubt es die ‚Asterix‘-Reihe europäischen Lesern, sich selbst mit den Opfern einer Kolonialgeschichte zu identifizieren, bei der sie eigentlich auf der Täterseite waren. Über den Appeal dieses Rollenwechsels lässt sich nur spekulieren.“

So am 13. Juli 2021 zu hören im Deutschlandfunk. So zu lesen in der August-Ausgabe 2021 des Philosophie-Magazins. Vermutlich kannte Dr. Werner aus der ehemaligen deutschen Reichshauptstadt Berlin die Sätze René Goscinnys zum Rassismus-Vorwurf nicht, der in Paris bereits im Zug der post-68er-Scharmützel von Seiten humorloser K-Gruppen laut wurde. René Goscinny, dessen jüdische, polnisch-ukrainische Familie mütterlicherseits in deutschen Vernichtungslagern ermordet worden war, reagierte auf den Rassismus-Vorwurf mit den einfachen, klaren Sätzen:

„Den Vorwurf akzeptiere ich nicht. Für mich ist das die übelste aller Beleidigungen. Wer sich je erlauben sollte, mir das Gesicht ins zu sagen, holt sich eine Ohrfeige ab. Persönlich. Ein Großteil meiner Familie ist in den Öfen der Vernichtungslager gelandet! Die Hautfarbe, die Rasse, die Religion der Leute hat für mich nie eine Rolle gespielt. Ich sehe Menschen, und sonst gar nichts.“

Dr. Werner kennt die Sätze natürlich nicht. Wenn er sie kennen würde, würde er in ihnen sowieso nichts anderes als eine überholte, ethnozentrische, kolonialistische Universalismusideologie entlarven können. Weiter als bis zur letzten us-amerikanischen Race-Class-Gender-Debatte – irgendwo zwischen Bhabha, Spivak und Butler – reicht sein historischer und ‚theoretischer‘ Horizont nämlich nicht. Wenn derselbe Horizont ein klein wenig weiter wäre (und über die Versatzstücke der cultural-studies-Debatten hinausginge), dann wüsste er, dass das realgeschichtliche „Reich“, das Gallien bis vor kurzem noch besetzt hatte, genauer: bis 1944, und gegen das Asterix und Obelix ab 1961, in nachträglicher Wunscherfüllung, Widerstand leisten, seinen Hauptsitz nicht in Rom, sondern in genau der Stadt hatte, aus der Dr. Werner kommt. Und ja, auch wenn es nicht in die obsessiven Rassekampf-Vorstellungen des Dr. Werner passt und er über den ‚appeal‘ spekulieren muss, der darin liegt, Besatzungstruppen (zum Beispiel der Wehrmacht) im Labyrinth der Gässchen von Lyon in den Wahnsinn zu treiben: damals kämpften ‚Weiße‘ gegen ‚Weiße‘. In Marcel Ophüls‘ Film „Hotel Terminus – Zeit und Leben des Klaus Barbie“ kann man sich völlig unspekulativ darüber informieren.

Dass der neudeutsche Postkolonialist, begnadet mit der späten Geburt und einer Totalamnesie in Sachen französischer (Besatzungs-)Geschichte, sich ausgerechnet daran nicht erinnert, nicht an die Résistance und nicht an die gallo-römischen Kollaborateure, nicht an die schneidigen deutschen Reichs-Standarten in Lyon, Nantes, Paris, Brest, Caen, La Rochelle, nicht an die Folterkeller und Geiselerschießungen, nicht an Oradour und nicht an Châteaubriant, aber auch nicht an die Pariser Dekolonisierungsdebatten der 1960er Jahre und die Diskussionen, die in den Redaktionen von Pilote, Harakiri, L’écho des savanes, Charlie Hebdo geführt wurden, ist kein Zufall. Es ist die übliche Abwicklung der Geschichte.

Dr. Werner kennt keine Nazis mehr, er kennt die französischen Dekoloniserungsdebatten und die Comic-Geschichte nicht, er kennt auch das Leben und das Werk René Goscinnys nicht. Ja, er kennt noch nicht einmal die Episode aus dem Band „Trabantenstadt“ (aus dem Jahr 1974, nicht 1961, wie Werner insinuiert), die er als ‚Beweis‘ des angeblichen anti-schwarzen Rassismus Goscinnys anführt. Duplikatha „verharrt“ dort nicht im „im Status der Sklaverei“. Er begnügt sich vielmehr – Goscinnys Witz ist feiner, als sein Kritiker es sich vorstellen kann – mit der reformgewerkschaftlichen Befreiung aus der Sklaverei und kollaboriert in ordentlichen Tarifverhandlungen mit den imperialistisch-kapitalistischen Bauherren. Asterix und Obelix schlagen dagegen das Ende der (Lohn-)Sklaverei vor und wundern sich über das, was die politische Theorie seit Etienne de la Boétie „freiwillige Knechtschaft“ nennt. Genauso wenig ist der „Boy“ im Mast des Piratenschiffs ein „Boy“, sondern ein ordentliches Besatzungsmitglied wie alle anderen auch, und dass er Schwierigkeiten bei der Aussprache des „R“ hat, ist kein „Rassismus“, sondern eine linguistische Karikatur – wie sie in den Asterix-Bänden auch Auvergnats, Deutschen, Normannen, Griechen, Wikingern, Ägyptern, Engländern usw. zuteil wird. Keine einzige dieser Karikaturen ist herabsetzend, gehässig, verurteilend. Selbst die der pickelhaubenbewehrten Goten in ihrer Plumpheit, Brutalität und Kriegsversessenheit nicht.

Von solchen Subtilitäten, vom humoristischen Umgang mit Stereotypen, von den Sprachwitzen, den Plots, will der neueste deutsche Postkolonialismus nichts wissen.  Er gefällt sich in der Verdrängung seiner eigenen infamen Vergangenheit, triumphiert in Sachen Moral über französische Nationalisten, sozusagen um keinen Endsieg verlegen, und denunziert wie nebenbei einen großen jüdischen Autor, dem jede Rasse- und Identitätspolitik ein Greuel war, als Kolonialisten und Rassisten. „Über den Appeal“ dieser Denunziation muss man – hélas ! – nicht „spekulieren“. Dass die Entlarvung ausgerechnet vom Deutschlandfunk – man achte auf das Wort – gesendet wird, macht die Sache nicht besser.

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